Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau, eine der wichtigsten Branchen des Landes, steckt in einer Zwickmühle. 54% der Unternehmen kämpfen mit stagnierenden oder schrumpfenden Märkten, 74% berichten von Margendruck.
Gleichzeitig ändern sich die Wünsche der Abnehmer: Immer weniger Industriekunden wollen Maschinen selbst besitzen und verlangen outputbasierte As-a-Service-Modelle. Das geht aus der aktuellen Studie „How we make – Reinvention in the machinery and equipment industry“ von Strategy&, der globalen Strategieberatung von PwC, hervor. Dafür wurden 189 Führungskräfte aus dem deutschen Maschinen- und Anlagenbau zur Zukunftsfähigkeit ihrer Branche befragt.
Allerdings sind solche nutzungsbasierten Angebote noch nicht umfassend etabliert, obwohl innovative Technologien bereits neue Geschäftsmodelle in diesem Bereich ermöglichen. Der Verkauf von Anlagen macht weiterhin einen Großteil des Kerngeschäfts der Branche aus.
Deutscher Maschinenbau von mehreren Seiten unter Druck
Zusätzlich zum massiven wirtschaftlichen Druck im Maschinen- und Anlagenbau drängen neue Wettbewerber von mehreren Seiten in den Markt: einerseits aus angrenzenden Bereichen wie dem Automobilsektor, der Luftfahrt oder der Verteidigungsindustrie (54%), andererseits aus dem nicht-europäischen Ausland (59%). Vor allem die Importe chinesischer Industriegüter in die EU sind im vergangenen Jahrzehnt viermal schneller gewachsen als die EU-Exporte nach China. Auch bei Patentanmeldungen in Relation zum BIP liegt China inzwischen rund viermal vor Deutschland, vor allem in zentralen Zukunftsbereichen wie Digitalisierung, Automatisierung und KI-Technologien.
Für die deutsche Branche bedeutet das: Wettbewerbsvorteile ergeben sich nicht mehr aus dem Produkt allein, sondern aus einem ganzheitlichen Angebot, das über Industriegrenzen hinweg in ein Ökosystem eingeflochten ist. Das Bewusstsein für Handlungsbedarf ist in der Branche zwar vorhanden: 79% der Befragten nennen Markt- und Wettbewerbsdynamik als zentralen Veränderungstreiber, 72% technologische Umbrüche. Doch aus dieser Erkenntnis folgen bislang zu selten Konsequenzen.
„Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau ist wie eh und je ein Garant für Qualität und Zuverlässigkeit. Doch die langjährige Basis des Erfolgs schmilzt: Kosten steigen, Margen schrumpfen, Innovation stockt. Hinzu kommt, dass Kunden zunehmend lieber für Ergebnisse statt Eigentum zahlen. Reine Exzellenz beim Produkt und in der Fertigung reicht nicht mehr aus. Die Branche steht vor einem fundamentalen Wandel – den Unternehmen jedoch strategisch für sich nutzen können, wenn sie die transformativen Kräfte in ein neues Geschäftsmodell übersetzen.“
„Die gute Nachricht ist: Deutsche Hersteller haben weltweit Maschinen im Einsatz, sie verfügen über jahrzehntelange Geschäftsbeziehungen und verstehen die Produktionsprozesse ihrer Kunden wie kaum ein anderer. Diesen Vorsprung können neue Wettbewerber nur nach und nach aufholen. Umso drängender müssen die hiesigen Unternehmen das verbleibende Zeitfenster nutzen, um sich neu zu erfinden”, sagt Bernd Jung, Senior Partner bei Strategy& Deutschland.
Wo der deutsche Maschinenbau seine Zukunft sieht
Die große Mehrheit der Unternehmen verdient ihr Geld immer noch fast ausschließlich mit dem Verkauf physischer Produkte, nämlich über 66 %. Digitale Angebote und Plattformen oder As-a-Service-Modelle machen dagegen nur zwischen 1 % und 4 % des Umsatzes aus. Es klafft also eine deutliche Lücke zwischen dem Angebot der Branche und den Wünschen der Kunden.
Doch es beginnt ein Umdenken: Zwar bleibt für 65 % der Befragten die klassische Produkt- und Materialinnovation das wichtigste Wachstumsfeld der Zukunft, doch gleichzeitig sieht jeder Zweite (48 %) die digitale Vernetzung und Steuerung ganzer Wertschöpfungsketten als zentrale Zukunftschance.
Ein ebenfalls hohes Potenzial identifizieren die Befragten darin, Kunden beim effizienteren Betrieb ihrer Anlagen zu unterstützen, etwa durch intelligentes Energiemanagement (40 %) oder digitale und intelligente Lösungen für den optimierten Betrieb von Maschinen (35 %).
Etwas verhaltener blickt die Branche dagegen auf neue As-a-Service-Modelle für Maschinen, outputbasierte Preismodelle sowie neue Formen der Kundeninteraktion. Nur rund ein Drittel sieht hier Wachstumspotenzial.
„Unvermindert wachsender Wettbewerbsdruck und neue Kundenbedürfnisse verlangen von der Branche, ihr Kerngeschäft grundlegend zu überprüfen und anzupassen. Dafür braucht es agile Organisationsstrukturen, die schnelle Entscheidungen und unternehmerische Freiheit ermöglichen – und im Zweifel auch den Mut, neue Geschäftsmodelle bewusst außerhalb des Kerngeschäfts zu entwickeln.“
„Es gilt, vom Ende her zu denken und die veränderten Kundenwünsche als Ausgangspunkt für Innovation zu nehmen statt des eigenen Produktportfolios – und vorhandene Stärken damit abzugleichen. Wer sich jetzt neu erfindet, kann die neuen Industrie-Ökosysteme und deren Spielregeln maßgeblich mitbestimmen und die profitablen Geschäftsfelder der Zukunft besetzen”, sagt Georg Krubasik, Director bei Strategy& Deutschland.