Die zuletzt verhaltene Nachfrage nach BEVs (Battery Electric Vehicle) in Deutschland und Europa zieht wieder merklich an. Das zeigt der „Electric Vehicle Sales Review“ von PwC Autofacts® und Strategy&, der globalen Strategieberatung von PwC, in dem die Neuzulassungszahlen in weltweit 40 ausgewählten Märkten ausgewertet werden. In den fünf größten europäischen Automärkten (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Vereinigtes Königreich) legten die BEV-Absätze demnach im ersten Halbjahr 2025 um 25% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu. Zusammen mit den restlichen europäischen Ländern konnte hiermit erstmals die Millionengrenze für neuzugelassene BEVs in einer ersten Jahreshälfte überschritten werden.
In Deutschland kletterten die BEV-Verkäufe im ersten Halbjahr um 35%, PHEVs (Plug-in-Hybride, PHEV) zogen um 55% an. Mit diesem Sprung holt sich Deutschland den Titel als größter BEV-Markt von Großbritannien zurück. Verbrenner verzeichneten in Europas fünf größten Märkten im sechsten Quartal in Folge schlechte Verkaufszahlen. Sie sackten in der ersten Jahreshälfte 2025 um 24% ab und zogen dadurch auch den Gesamtmarkt ins Minus, der um 1,3% nachgab.
Deutsche Autobauer holen im europäischen Markt auf
Trotz der europäischen Elektro-Renaissance bleibt China der mit Abstand wichtigste globale E-Auto-Markt und baut seine Vormachtstellung aus. Während die PHEV-Verkäufe einen Dämpfer kassierten und im Q2 nur noch um 6,4% wuchsen, legten die BEV-Absätze um 42% zu. Damit kam China in einem zweiten Quartal erstmals über 2 Millionen BEVs – fast dreimal so viele wie in den europäischen Top-5-Märkten im gesamten ersten Halbjahr. Von dieser enormen Dynamik profitieren die deutschen Autobauer kaum. Im ersten Halbjahr setzten sie in China 32% weniger BEVs ab als im gleichen Zeitraum 2024. Zugleich legten sie in Europa deutlich zu und erzielten in den EU4-Märkten (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien) ein BEV-Plus von 45%. In den EU4-Märkten werden 41% aller BEVs in Europa verkauft. Durch den Zuwachs stammten davon im ersten Halbjahr 37% von deutschen OEMs – 6 Prozentpunkte mehr als im Vorjahreszeitraum.
„Trotz guter Absatzzahlen bei Elektroautos in Europa ist für die deutschen Automobilhersteller unklar, wie die Transformation tatsächlich aussieht – setzt man komplett auf eine Technologie oder weiterhin mit dem Verbrenner und dem Elektroauto auf zwei parallele Pfade mit entsprechenden Kosten und Innovationserwartungen?“, sagt Felix Kuhnert, Partner und Automotive Leader bei PwC Deutschland. „Das emissionsfreie Fahren wird sowohl von Politik und Gesellschaft gefordert, das wird auf lange Sicht so bleiben. Der Kapitalmarkt hingegen erwartet nach den Anfangsinvestitionen in die Elektromobilität nun rentable Geschäftsmodelle. Setzen die Hersteller alles auf diese Karte, kann die Abhängigkeit von Asien für einige Teile der Supply Chain zum Risiko werden. Die europäische Automobilindustrie ist gefragt, schnell zu definieren, wo die Wertschöpfung und die Innovationen der Zukunft liegen und ihren Pfad danach auszurichten. Nur so können knappe liquide Mittel der Unternehmen für den Erhalt europäischer Industriestrukturen bestmöglich eingesetzt werden.“
Seltene Erden werden zu Europas Achillesferse
Eine Grundvoraussetzung dafür ist laut Studie die verlässliche Versorgung von Seltenen Erden. Sie sind für E-Auto-Bauteile, etwa den Elektromotor, essenziell. Allerdings kommen sie nur in wenigen Ländern der Welt vor. China verfügt laut Studie über fast die Hälfte aller bekannten Vorkommen und kontrolliert 69% der weltweiten Produktion. Entsprechend hoch ist die Abhängigkeit Europas sowie der USA. Die EU bezieht derzeit 98% ihres Bedarfs an Seltenen Erden aus China. In den USA verfügen 75% aller Unternehmen über Vorräte für lediglich 3 Monate.
Was diese Abhängigkeit für die Praxis bedeutet, zeigte sich etwa als China im April Exportbeschränkungen für Seltene Erden verhängte: Automobilbauer und Zulieferer in Europa sowie den USA mussten ihre Fertigungen zurückfahren und unterbrechen. Ein Exportverbot auf Kobalt durch den Kongo hatte bereits Anfang dieses Jahres einen Preisschock für das Metall ausgelöst, das unter anderem in Lithium-Ionen-Akkus verbaut wird und von der Europäischen Kommission als ein kritischer Rohstoff klassifiziert wurde.
„Seltene Erden und Materialien wie Lithium sind die Grundlagen der Elektromobilität und entwickeln sich zunehmend zur strategischen Achillesferse Europas. Umso dringender müssen europäische Regierungen und die Automobilindustrie nun zusammenarbeiten und eine vorausschauende Rohstoffstrategie etablieren. Neben dem Aufbau eigener Wertschöpfungsketten in Europa kommt es auf die Diversifizierung der bestehenden Bezugsquellen an, um Abhängigkeiten zu reduzieren und die Nachfrage langfristig zu sichern“, sagt Jörn Neuhausen, Senior Director und Leiter Elektromobilität bei Strategy& Deutschland. „Ein weiterer Hebel sind kontinuierliche technologische Innovationen, wie wir sie aktuell bereits bei den Motoren und Batteriesystemen sowie -zellen beobachten. Das zunehmende Tempo der technologischen Transformation bedeutet zugleich auch, dass die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der OEMs an heutigen Weichenstellungen hängt. Nur wer jetzt in sichere Lieferketten, weitergehende technologische Innovation und Kostenoptimierung investiert, hat in den kommenden Jahren eine Chance.“