Stand der digitalen Transformation im Jahr 2025
Bernd Jung, Florian Stürmer, Sebastian Pieper, Dr. Daniel Haag und Philipp-Marcel Strobl
Als zentrales Element globaler Wertschöpfungsketten versteht sich die Transport- und Logistikindustrie zunehmend als digital vernetzt und datengetrieben. Die Branche hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: digitale Prozessketten ohne Medienbrüche, vom Auftragseingang über Disposition und Transport bis hin zur Abrechnung. Dazu gehört eine vollständig elektronische Abwicklung von Dokumenten wie Frachtbriefen oder Zolldeklarationen sowie die Echtzeitverfolgung von Sendungen über alle Verkehrsträger hinweg. Diese Leitbilder stehen nicht nur für Effizienzgewinne, sondern spiegeln den Anspruch wider, Logistikleistungen auf ein hohes digitales Niveau zu heben – und das schon seit vielen Jahren.
Der intendierte Digitalisierungsschub ist nicht nur aus Effizienzgründen notwendig, sondern auch, um die Branche angesichts des tiefgreifenden Wandels zukunftsfähig zu machen. Denn geopolitische Unsicherheiten verändern das Wettbewerbsumfeld spürbar, in welchem insbesondere digitale Technologien neue Möglichkeiten eröffnen und sich zum strategischen Hebel entwickeln.
Die digitale Transformation habe „das Buzzword-Level verlassen“, sagte der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Bundesvereinigung Logistik (BVL) Prof. Dr. Raimund Klinkner in seiner Abschlussrede auf dem Logistik-Kongress 2016 in Berlin. Von einer „digitalen Revolution“ sprach die Industrie im Rahmen der transport logistic Messe in München im Jahr 2017. Knapp zehn Jahre später ist ein guter Zeitpunkt, um die Umsetzung dieser Revolution mit einem differenzierten Blick zu beleuchten.
Eine weitgehende Marktübernahme durch digitale Geschäftsmodelle wie „Digital Forwarder“ ist bisher ausgeblieben. Besonders während der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass der persönliche Kontakt und die Erfahrung der Menschen in der Logistik als „People Business“ entscheidend sind. Andererseits steigen die Erwartungen auf Kundenseite: Vor allem Hersteller aus der Automobil-, Maschinenbau- und Handelsbranche sind bei der Digitalisierung bereits weit vorangeschritten und erwarten von ihren Logistikpartnern digitale Services mit hoher Geschwindigkeit und Qualität. Diese doppelte Erwartungshaltung – eigene ambitionierte Digitalisierungsziele zu erreichen und gleichzeitig den steigenden Ansprüchen der Kunden gerecht zu werden – verdeutlicht, warum der digitale Wandel für Logistikdienstleister keine strategische Option ist, sondern eine zwingende Voraussetzung für ihre Zukunftsfähigkeit.
In dieser Studie bündeln Strategy& und die Bundesvereinigung Logistik (BVL) ihre Kompetenzen, um den aktuellen Stand der Digitalisierung in der Transport- und Logistikbranche zu untersuchen. Sie bietet einen Überblick zu Fortschritten, Herausforderungen und Prioritäten der digitalen Transformation und basiert auf Befragungen von 115 Transport- und Logistikdienstleistern überwiegend aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Die digitale Transformation ist in der Transport- und Logistikbranche angekommen – jedoch gehen Unternehmen diesen Weg unterschiedlich schnell und konsequent: 96% der Unternehmen befinden sich aktuell in einem digitalen Wandel. Das ist nicht überraschend, denn digitale Geschäftsmodelle gelten in der Branche schon seit Jahren als Schlüssel zur Zukunft.
Auffällig ist jedoch, dass lediglich jedes zehnte Unternehmen auf seinem Digitalisierungspfad so weit fortgeschritten ist, dass es neue Technologien und Prozesse optimiert oder skaliert. Das bedeutet, für viele bleibt der erhoffte Mehrwert für Geschäft und Kunden noch aus. Diese Lücke macht deutlich, wie groß die Herausforderungen bei der praktischen Umsetzung digitaler Strategien in der Branche sind.
Entsprechend bleibt der tatsächliche digitale Reifegrad vieler Unternehmen noch begrenzt – ebenso wie die erzielten operativen Verbesserungen durch digitalisierte Prozesse und Strukturen. Rund zwei Drittel der befragten Logistikdienstleister stufen ihren eigenen Reifegrad als sehr niedrig bis mittel ein, während lediglich 35% einen hohen oder sehr hohen Reifegrad bei sich sehen. Daraus lässt sich schließen, dass der angestrebte Weg zu einer hochgradig digitalisierten Branche durch die Umsetzung von theoretischen Konzepten in sichtbare Veränderungen noch große Anstrengungen durch die Logistikdienstleister erfordert.
Digitaler Reifegrad der befragten Transport- und Logistikunternehmen
Der primäre Fokus der Digitalisierungsinitiativen liegt dabei insbesondere auf der Optimierung interner Abläufe – allen voran der Automatisierung von Prozessen, sowohl im operativen Kerngeschäft als auch in unterstützenden Funktionen. Ebenso steht die Entwicklung von Business-Intelligence-Lösungen, die für schlankere Abläufe und höhere Datensicherheit sorgen sollen, im Fokus. Durch diese Maßnahmen werden die interne Effizienz und Steuerungsfähigkeit der Unternehmen gesteigert.
Fokusbereiche der digitalen Transformation
In einem Umfeld, das von niedrigen Margen, hohem Kostendruck und steigenden regulatorischen Anforderungen geprägt ist, erscheint der Fokus auf die interne Prozessoptimierung der erste logische Schritt. Der Anspruch, durch digitale Lösungen die Art und Weise, wie ein Unternehmen Wert schafft und monetarisiert, grundlegend neu zu gestalten, bleibt dabei jedoch zunächst unberücksichtigt. Solche Investitionen in neue Geschäftsmodelle erfordern spezielle Fähigkeiten und eine innovationsfreundliche Unternehmenskultur. Genau darin liegt eine große Chance für die nächste Entwicklungsstufe der Digitalisierung.
Die Diskussion um GenAI hat auch unter den Logistikdienstleistern an Dynamik gewonnen. Mit Technologien, die große Datenbestände eigenständig auswerten und intelligente Entscheidungen treffen können, eröffnet sich die Chance, Prozesse nicht nur zu digitalisieren, sondern grundlegend neu zu gestalten.
Knapp 80% der Logistikunternehmen befassen sich aktiv mit der Anwendung von GenAI in ihrem Unternehmen. Jedoch haben nur 3% der Befragten GenAI unternehmensweit in ihre Abläufe integriert. Damit erkennt die Branche zwar das zukunftsweisende Potenzial der Technologie, schafft es bislang jedoch nicht, diese in den flächendeckenden Betrieb zu überführen.
Um das Potenzial von GenAI auszuschöpfen, ist derzeit vor allem Eigeninitiative gefragt: Unternehmen müssen entweder selbst konkrete Anwendungsfälle entwickeln oder bestehende Lösungen aus dem Markt gezielt anpassen. Statt einer großen Transformation und einem ganzheitlichen Roll-out von GenAI gilt es, Prozesse dort anzupassen, wo Lösungen ihren Mehrwert bereits unter Beweis gestellt haben.
Nutzung von GenAI bei den befragten Transport- und Logistikunternehmen
Die Branche sieht das größte Potenzial von GenAI vor allem in kaufmännischen und planerischen Bereichen sowie entlang der Kernprozesse. In der Praxis kommen marktreife GenAI-Lösungen aktuell jedoch vor allem in unterstützenden Bereichen wie HR, Finanzen und Rechnungswesen sowie Legal/ Recht zum Einsatz – ein deutlicher Widerspruch zwischen den Erwartungen und der tatsächlichen Anwendung.
Die Ergebnisse der Studie machen deutlich: Logistikunternehmen stehen vor der Herausforderung, einerseits strikter Kosteneffizienz unter hohem Margendruck gerecht zu werden und andererseits aktiv in digitale Zukunftsthemen zu investieren. Ziel ist es, diese vermeintlich widersprüchlichen Anforderungen auszubalancieren und den initialen Business Case konsequent in die Umsetzung zu bringen. Drei Säulen haben sich dabei als Fundament für ein wertfokussiertes Transformationsmanagement bewährt.
Die hohe Motivation und Energie, die nächste Entwicklungsstufe in ihrer Digitalisierung zu nehmen, ist unter Logistikern deutlich zu spüren. Jetzt gilt es, mit einem Fokus auf Wertrealisierung und effektiven Methoden die Transformation zum Erfolg zu führen.
Ingo Bauer, Peter Kauschke, Luis Müller, Hannes Pust und Jonas Scheidler waren ebenfalls an der Erstellung der Studie beteiligt. Die Autor:innen bedanken sich herzlich bei der BVL für die erfolgreiche Kooperation bei der Entwicklung dieser Studie. Besonderer Dank gilt Anne Suhling, Head of Event Content Strategy & Research bei der Bundesvereinigung Logistik (BVL). Sie verantwortet die strategische inhaltliche Gestaltung überregionaler Branchenveranstaltungen, begleitet und koordiniert BVL-Themenkreise, Studien und die Bereiche Wissenschaft und Forschungsförderung.
Die Studie wurde in Zusammenarbeit von Strategy& und der Bundesvereinigung Logistik (BVL) erstellt. Sie beleuchtet Fortschritte, Herausforderungen und Prioritäten der digitalen Transformation in der Transport- und Logistikbranche und basiert auf Befragungen von 115 Transport- und Logistikdienstleistern überwiegend aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.