Zwei Wanderer an einem Berggipfel beim Sonnenaufgang, einer hilft dem anderen beim Hochziehen über einen Felsen.

Marktkonsolidierung in der Gesetzlichen Krankenversicherung

Simulation möglicher Fusionsszenarien und deren Auswirkungen

Manuel Meske und Thorsten Weber

Kernergebnisse

  • Szenarienbasierte Fusionssimulation für die gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland bis 2035 von Strategy& in Kooperation mit dem Forschungsinstitut WIG2
  • Deutlicher Rückgang der Anzahl von Krankenkassen in allen vier simulierten Szenarien, mit einer besonders starken Marktkonzentration bei intensivem Wettbewerbsdruck
  • Regionale Abdeckung bleibt gewährleistet, jedoch nimmt die Vielfalt der Angebote ab
  • Kaum Effekte auf den Zusatzbeitrag, gleichzeitig nehmen regionale Unterschiede zu
  • Ausgaben- und Finanzwirkungen bleiben überschaubar; finanzschwache Krankenversicherungen tragen die Hauptlast der Konsolidierung – umfassende Strukturreformen bleiben erforderlich
1 Einleitung

Konsolidierung der gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland

Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) in Deutschland befindet sich in einem seit Jahren anhaltenden Konsolidierungstrend: Von über 1.200 Kassen in den 1990er-Jahren ist ihre Zahl bis 2025 auf 94 gesunken – teilweise war diese Entwicklung politisch gewollt. Angesichts steigender Ausgaben, abnehmender Rücklagen und des wachsenden Beitragssatzdrucks erwarten viele Akteure eine weitere Zuspitzung dieser finanziell angespannten Entwicklung. Gleichzeitig wird öffentlich immer wieder die Erwartung geäußert, dass eine drastische Reduktion der Kassenzahl – etwa auf wenige Großkassen – die strukturellen Finanzprobleme der GKV lösen könne.

Die vorliegende Studie untersucht folgende Fragen: Welche Rolle spielen Marktdynamiken – insbesondere Fusionen – für die Stabilisierung der GKV? Welche Auswirkungen hätten Fusionen auf Marktstruktur, Wettbewerbsdruck, regionale Versorgung sowie Zusatzbeitragssätze und Ausgabenstruktur der gesetzlichen Krankenversicherung?

Vor diesem Hintergrund hat Strategy& in Kooperation mit dem Wissenschaftlichen Institut WIG2 eine szenarienbasierte Fusionssimulation bis 2035 durchgeführt. Ziel war es, auf Basis statistischer Modellierung die Effekte unterschiedlicher Konsolidierungsszenarien abzuschätzen und daraus Handlungsfelder für Krankenkassen und Politik faktenbasiert aufzuzeigen. Die Simulation betrachtet vier Szenarien, die zentrale Einflussfaktoren, nämlich die Intensität des Wettbewerbs und die Ausgestaltung der Aufsichtsstruktur, kombinieren.

Unsere Ergebnisse zeigen: Fusionen können unter bestimmten Bedingungen zur kurzfristigen Stabilisierung einzelner Kassen beitragen, lösen jedoch nicht die strukturellen Finanzierungsprobleme der GKV. Mit zunehmender Wettbewerbsintensität und zentralisierter Aufsicht steigt die Marktkonzentration deutlich. Wenige große Kassen gewinnen an Bedeutung, während kleinere Träger – insbesondere regionale Betriebskrankenkassen (BKKs) – zunehmend verdrängt werden. Zwar bleibt die flächendeckende Versorgung weiterhin gesichert, jedoch droht ein Verlust an Vielfalt und regionaler Differenzierung im System. Für stabile Kassen entstehen durch die Konsolidierungsdynamiken neue Marktchancen, etwa durch gezielte Übernahmen oder den Gewinn regionaler Marktanteile.


2 Szenarien

Szenarien der GKV-Fusionssimulation

Insgesamt wurden vier alternative Szenarien modelliert, um Fusionstrends und deren Auswirkungen auf Finanzen, Marktstruktur, Zusatzbeiträge und Versorgung zu veranschaulichen. Die Szenarien kombinieren zwei zentrale Einflussgrößen: Wettbewerbsintensität (moderater Status quo vs. stärkerer Wettbewerb aufgrund höherer Finanzlücken) und Aufsichtsstruktur (getrennte Aufsicht von Bund und Ländern vs. bundeseinheitliche Aufsicht):

"Regulatorisches Eingreifen"
Duale Aufsichtspraxis bleibt bestehen Vereinheitlichung der Aufsichtspraxis zugunsten einer Bundesaufsicht
"Wettbewerbsintensität"
Moderater Wettbewerb Szenario 1 (ca. 70 Kassen)
"Trägergestaltende Konsolidierung"
Szenario 2 (ca. 60 Kassen)
"Gemeinsame Verantwortung"
Intensiver Wettbewerb Szenario 3 (ca. 50 Kassen)
"Wettbewerb als Treiber"
Szenario 4 (ca. 30 Kassen)
"Staatlich getriebene Konsolidierung"
Hinweis: Diese Tabelle zeigt einen Ausschnitt. Die vollständige Tabelle finden Sie in unserer Studie.

Die vier Szenarien führen zu deutlich unterschiedlichen Entwicklungen der GKV-Marktstruktur:

Szenario Liniengrafik zur Entwicklung der Kassenanzahl bis 2035 Vier Szenarien zeigen Werte von 2010 bis 2035 mit unterschiedlichen Verläufen. 2010 2015 2020 2025 2030 2035 0 50 100 150 200 ca. 70 ca. 50 ca. 40 ca. 30 169 123 105 94
Szenario 1
Szenario 2
Szenario 3
Szenario 4

Diese vier Szenarien verdeutlichen: Je stärker Wettbewerbsintensität und regulatorische Harmonisierung, desto höher der Fusionsdruck. Insbesondere im vierten Extremszenario kommt es zu einer deutlichen Oligopolbildung mit Konsolidierung auf wenige Großkassen. Fusionen stärken tendenziell größere Kassen, während kleinere Anbieter vom Markt verdrängt werden.


3 Ergebnisse

Implikationen der Fusionssimulation

Im Folgenden werden die Ergebnisse der Fusionssimulationen aus vier zentralen Perspektiven tiefergehend beleuchtet und die Simulationsergebnisse mit aktuellen Entwicklungen verknüpft, um Risiken und notwendige Maßnahmen für Entscheidungsträger aufzuzeigen:

  • 1
    Marktstruktur und Wettbewerb: Die zukünftige Marktkonzentration hängt maßgeblich vom Wettbewerbs- und Fusionsdruck ab. In vielen Bundesländern bleiben mehrere Kassen offen; in ländlichen Regionen könnten sich jedoch ein oder zwei Kassen als dominierend herausbilden. Der Kontrahierungszwang sichert, dass Versicherte weiterhin überall aufgenommen werden, reduziert jedoch den lokalen Wettbewerbsdruck.
  • 2
    Regionale Marktstruktur: Die flächendeckende Versorgung bleibt gewährleistet; der Leistungskatalog bleibt identisch. Veränderungen zeigen sich eher in der Struktur des Wettbewerbs vor Ort: Weniger Kassen bedeuten potenziell weniger individuelle Zusatzangebote, aber auch weniger Verwaltungsaufwand. Angesichts der häufig engen regionalen Verankerung der BKKs ist die transparente Kommunikation und Umsetzung vor Ort entscheidend, um Vertrauen zu erhalten.
  • 3
    Entwicklung der Zusatzbeitragssätze: Ein allgemein sinkender Durchschnittsbeitrag wäre für die Versicherten sowie die deutsche Wirtschaft grundsätzlich positiv, doch die Simulation zeigt nur begrenzte Effekte. Bei größeren Preisspreizungen profitieren vor allem Versicherte in bisher günstigeren Kassen oder Regionen; Versicherte in teureren Regionen könnten weniger entlastet werden. Durch Fusionen könnten Versicherte mit hohem Zusatzbeitrag auf günstigere Sätze hoffen, während bei ehemals günstigeren Kassen mit Beitragserhöhungen zu rechnen ist.
  • 4
    Finanzen und Ausgaben: Fusionen können prinzipiell zur finanziellen Stabilisierung beitragen, indem schwächere Kassen in größere Einheiten integriert werden. Der systemische Effekt bleibt jedoch begrenzt. Zudem bergen große Fusionen Risiken: Ein Ausfall einer Großkasse könnte gravierende Folgen haben. Zudem könnten Innovations- und Kostendruck durch geringeren Wettbewerb nachlassen, was die Finanzlage langfristig beeinflusst.
4 Ausblick

Handlungsempfehlungen

Erwartete Konsolidierungsdynamiken sollten proaktiv adressiert werden. Je nach finanzieller Ausgangslage ergeben sich unterschiedliche Strategien:

  • Finanzstarke Kassen mit Innovationsanspruch: Proaktive bundesweite Fusionsstrategien verfolgen, um Innovationsführerschaft zu sichern und regulatorische Risiken zu steuern
  • Finanzstabile, markenkernorientierte Kassen: Marktstellung und Markenprofil stärken, ggf. kleinere Kassen durch Übernahmen integrieren, Finanzstabilität sichern
  • Kassen mit finanziellem Stabilisierungsbedarf: Kostenstrukturen optimieren, Profil schärfen, geeignete Fusionspartner suchen
  • Kassen in akuter Finanznot: Sofortige Notfallmaßnahmen ergreifen und aktiv nach Fusionspartnern suchen

Für Vorstände gesetzlicher Krankenkassen bedeutet das:

Nicht auf politische Vorgaben warten, sondern eigene strategische Konsolidierungsoptionen vorbereiten – etwa durch Partneridentifikation, interne Fusionsszenarien und organisatorische Analysen. Fusionen sollten nicht Selbstzweck sein, sondern auf realem Mehrwert basieren. Die Stabilisierung des Beitragssatzes allein genügt nicht; integrierte Maßnahmen zu operativer Effizienz, Digitalisierung und finanzieller Steuerung sind notwendig.

Für die Politik bieten sich mehrere Steuerungsoptionen:

Fusionen gesetzlicher Krankenkassen sollten an klar definierten Versorgungszielen ausgerichtet werden, um echten Leistungswettbewerb und eine Qualität der Versorgung zu fördern. Gleichzeitig ist eine Weiterentwicklung der Aufsicht sinnvoll, zum Beispiel in Form eines bundeseinheitlichen Rahmens für länderübergreifende Fusionen. Politische Entscheidungen sollten eine Balance finden zwischen Konsolidierung, Versorgungsqualität, regionaler Vielfalt und finanzieller Stabilität der GKV.

Die Marktkräfte allein reichen nicht aus, um das System der gesetzlichen Krankenversicherung langfristig zu stabilisieren. Selbst in tiefgreifenden Fusionsszenarien bleiben Effekte auf Beitragssätze und Ausgaben begrenzt. Für eine nachhaltige Stabilisierung der GKV sind umfassende Reformen notwendig – verbunden mit einer ausgewogenen Mischung aus Konsolidierung, politischer Steuerung und gezielten Strukturmaßnahmen, damit auch künftig eine solidarische, wettbewerbsfähige und regional ausgewogene gesetzliche Krankenversicherung gewährleistet ist.

David Holte und Florian Blaich waren ebenfalls an der Erstellung der Studie beteiligt.

Gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland: Fusionssimulation 2035

Methodik

Die vorliegende Fusionssimulation wurde von dem Wissenschaftlichen Institut WIG2 im Auftrag von Strategy& durchgeführt und bezieht sich auf kassenindividuelle Struktur- und Finanzkennzahlen. Die Ergebnisse beruhen auf Modellrechnungen, die mögliche Marktentwicklungen unter definierten Annahmen simulieren. Sie stellen keine Prognosen zu konkreten Fusionen dar, sondern analysieren strukturelle Trends auf Basis historischer Kassendaten. Externe Faktoren wie Versichertenentwicklung, Reformgesetze oder beitragspolitische Entscheidungen wurden – mit Ausnahme der Aufsichtspraxis – bewusst nicht fortgeschrieben, um die Effekte von Fusionen unter ceteris-paribus-Bedingungen isoliert bewerten zu können.

Kontaktieren Sie uns
Manuel Meske

Manuel Meske

Partner, Strategy& Deutschland

Thorsten Weber

Thorsten Weber

Director, PwC Deutschland