Digitale Visualisierung eines Windturbinen-Überwachungssystems mit türkisfarbener Benutzeroberfläche, die eine aus Partikeln bestehende Windturbine sowie verschiedene Diagramme zu Energieüberwachung und Batteriespeicher zeigt.

KI unter Strom

Wie die Energiewirtschaft KI-Erfolge skaliert

Dr. Johannes Schneider, Dirk Niemeier und Dr. Tanja Utescher-Dabitz (BDEW)

Kernergebnisse

  • KI liefert in der deutschen Energiewirtschaft messbaren wirtschaftlichen Wert: Rund die Hälfte der 26 befragten Unternehmen nennen konkrete finanzielle Effekte, von Amortisationszeiten ab sechs Monaten bis zu hohen EBIT-Verbesserungen im Handelssegment
  • Der Einstieg ist günstiger als vermutet: Erste KI-Anwendungen lassen sich bereits ab rund 50.000 Euro umsetzen und rechnen sich teils innerhalb von sechs Monaten
  • Erfolg hängt nicht von der Unternehmensgröße ab, sondern von Datenreife, Business Ownership und der Ausrichtung an einem konkreten Geschäftsproblem. Ein Stadtwerk mit selbstlernendem Thermostat und ein Übertragungsnetzbetreiber mit Reinforcement Learning nutzen dieselbe Methodik, nur in anderer Größenordnung
  • Das hybride Hub-and-Spoke-Modell hat sich branchenweit als Standard etabliert. Eine zentrale Einheit stellt Plattform, Governance und Sicherheit bereit, die Fachbereiche behalten die Ownership über ihre Use Cases

1 Einleitung

Der Nutzen von KI in der Energiewirtschaft ist belegte Realität

Die Energiewirtschaft steht vor einer doppelten Transformation: Sie muss die Energiewende technisch und wirtschaftlich bewältigen und zugleich ihre eigenen Prozesse und ihr Wissen modernisieren.

Demografischer Wandel, steigende Systemkomplexität und wachsende regulatorische Auflagen erzeugen einen Handlungsdruck, dem die bisherigen Mittel allein nur schwer begegnen. Künstliche Intelligenz ist in diesem Kontext ein operatives Werkzeug, das bereits heute messbaren Wert schafft.
Doch wie setzen Energieversorger KI konkret ein? Welche Anwendungsfälle liefern echte Ergebnisse, und welche bleiben im Pilotstadium stecken? Und was unterscheidet Unternehmen, die mit KI bereits EBIT-Beiträge erzielen, von jenen, die noch experimentieren?

Gemeinsam mit dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) haben wir untersucht, wie ausgewählte Unternehmen der deutschen Energiewirtschaft KI einsetzen. Unsere Analyse von 26 Experteninterviews mit Entscheidungsträger:innen, Praxisfällen und aktueller externer Forschung zeigt: Unternehmen, die KI zur Lösung konkreter Geschäftsprobleme nutzen, erzielen messbaren Wert, oft schneller und günstiger als erwartet.

Das Fenster für einen Wettbewerbsvorsprung steht damit jetzt offen: Wer heute pragmatisch startet, erarbeitet sich einen strukturellen Vorteil, der mit zunehmender Branchenreife schwerer einzuholen sein wird.


2 Erfolgsfaktoren

Was erfolgreiche KI- Implementierungen in der Energiewirtschaft auszeichnet

Erfolgreiche KI-Implementierungen folgen wiederkehrenden Mustern, die sich über alle 26 Fälle hinweg zeigen. Unsere Analyse identifiziert fünf Erfolgsfaktoren, die Vorreiter von Unternehmen unterscheiden, die im Pilotstadium stecken bleiben.

Use Cases, die aus einem echten Geschäftsproblem im Fachbereich entstehen, skalieren erfolgreicher als zentral initiierte Projekte. Erfolgreiche Unternehmen schaffen Strukturen und Kanäle, damit Use-Case-Ideen aus dem Business entstehen und umgesetzt werden

Unternehmen mit bestehenden Datenplattformen wie Data Hubs, Datenkatalogen oder über Jahre gesammelten Sensordaten implementieren KI deutlich reibungsloser. Ist die Plattform, Datenverantwortung oder Schnittstelle einmal vorhanden, sinken Zeit und Grenzkosten der Folgeprojekte signifikant

Use Cases, die konkrete Probleme adressieren, erzielen schnellere Adoption und höhere Akzeptanz. Dort, wo der Druck durch demografischen Wandel, steigende Komplexität und Regulierung am größten ist, entstehen die überzeugendsten Ergebnisse

Akzeptanz ist wichtiger als Technologie. Unternehmen, die KI als unterstützendes Werkzeug vermitteln, das repetitive Aufgaben übernimmt und Freiraum für anspruchsvollere Tätigkeiten schafft, berichten von deutlich höherer Adoption

Wenn von Anfang an klar ist, dass KI den Fachkräftemangel adressiert und nicht auf Personalabbau zielt, steigt die Akzeptanz und die Umsetzung beschleunigt sich


3 Kosten-Nutzen

Lohnt sich KI in der Energiewirtschaft wirklich?

Bereits kleine Investments erzielen beachtliche Ergebnisse, KI zahlt sich bereits bei kleinen Investments aus. Entscheidend ist der Aufwand für Daten, Integration, Assurance und Betrieb, nicht die KI-Technologie selbst. Unsere Analyse zeigt eine klare Investitionsbandbreite:

Einstiegs-Cases (ca. 50.000 Euro)

Risikoarm, oft Stand-alone, Amortisation teils innerhalb von sechs Monaten. Beispiele: selbstlernende Thermostate, automatisierte Dokumentenverarbeitung, Churn Prediction

Fokussierte Lösungen (200.000–500.000 Euro)

Erfordern Anbindung an IT/OT, ERP und Datenplattformen. Beispiel: etwa KI-gestützte Netzplanung

Strategische Investitionen (ab 1 Million Euro)

Handelsoptimierung, Multi-Agenten-Systeme für Kraftwerksdiagnose, Netzoptimierung auf Übertragungsebene

Klassisches Machine Learning bleibt das Arbeitspferd für operative Aufgaben. GenAI hat die Sichtbarkeit erhöht und den Einstieg in wissensintensive Aufgaben erleichtert.


4 Handlungsempfehlungen

Wie Führungskräfte aus der Energiebranche KI etablieren können

Der Nutzen ist bewiesen, jetzt kommt es auf die Skalierung an. Der Unterschied zwischen Vorreitern und den übrigen Unternehmen liegt in der Tiefe der Veränderung, nicht in der Zahl der Piloten. Aus unserer Analyse leiten wir sieben Handlungsempfehlungen für Entscheider:innen ab:

  1. Beim Geschäftsproblem anfangen, nicht bei der Technologie. Stellen Sie zwei Fragen voran: Welche reale Entscheidung soll sich verändern? Und braucht dieses Problem tatsächlich KI?
  2. Akzeptanz aktiv gestalten. Positionieren Sie KI als Assistenz, vermitteln Sie sie verständlich und binden Sie den Betriebsrat früh ein. Change Management ist Kernbestandteil jeder Implementierung
  3. Dateninfrastruktur als gemeinsame Basis aufbauen. Jeder Euro in Datenqualität, Plattformen und Governance zahlt sich über mehrere Use Cases aus und senkt die Grenzkosten der Folgeprojekte
  4. Arbeit und Entscheidungen neu gestalten, statt KI auf bestehende Prozesse zu legen. Die stärksten Fälle verändern ganze Abläufe, nicht nur einzelne Tätigkeiten
  5. Organisation und Belegschaft gemeinsam weiterentwickeln. Freigesetzte Kapazität muss bewusst in besseren Service, Wachstum oder Ergebniswirkung übersetzt werden
  6. Kontrollpunkte bewusst besitzen. Entscheiden Sie aktiv, welche Daten, Entscheidungslogiken, Schnittstellen und Exit-Rechte in der eigenen Hand bleiben, um Lock-in zu vermeiden
  7. Das Portfolio steuern, inklusive aktiver Exits. Jeder Schwerpunkt braucht eine verantwortliche Person und definierte Kriterien für Skalierung und Stilllegung

5 Ausblick

Wie Führungskräfte aus der Energiebranche KI etablieren können

Agentische KI und Multi-Agenten-Systeme werden in den nächsten zwei bis drei Jahren an Reife gewinnen. Der regulatorische Rahmen entwickelt sich weiter. Der kumulative Effekt vieler kleiner Verbesserungen wird sichtbar, wenige Big Bangs. Und Kooperation bei nicht-differenzierenden Use Cases wird zur Notwendigkeit.

KI allein löst die Energiewende nicht. Ohne KI wird sie jedoch deutlich schwerer zu bewältigen sein. Wer heute pragmatisch startet, erarbeitet sich einen strukturellen Vorsprung.

Die Autor:innen danken Dr. Tanja Utescher-Dabitz, Leiterin Abteilung Betriebswirtschaft, Steuern und Digitalisierung beim BDEW, für die Zusammenarbeit bei dieser Studie. Florian Schäfer und Luis Moreno (Strategy&) sowie Lukas Knüsel (BDEW) sind Co-Autoren dieser Publikation.

KI in der Energiewirtschaft - Wo die Branche heute wirklich steht

In unserem Webcast stellen wir die Studienergebnisse vor und diskutieren exklusive Einblicke in die KI-Projekte unserer Gäste Daniela Bierwirth (SVP Corporate IT & Digital Experience Management, Uniper IT GmbH), Rachel Berryman (Head of Central AI, Elia Group/50Hertz Transmission GmbH) und Eva Weikl (Mitglied des Vorstands, Erlanger Stadtwerke AG).

Webcast-Aufzeichnung ansehen

Strategy& Webcast: KI in der Energiewirtschaft

KI unter Strom

Wie die Energiewirtschaft KI-Erfolge skaliert

Methodik

Die Studie von dem Strategy& Energie- und Versorgungswirtschaftsteam sowie dem BDEW e.V. stützt sich auf 26 Experteninterviews mit Entscheidungsträger:innen aus der deutschen Energiewirtschaft, darunter Vorstandsmitglieder, CIOs, KI-Verantwortliche und Fachbereichsleitungen. Die Interviews wurden zwischen Mai und August 2026 geführt, leitfadengestützt ausgewertet und durch eine Analyse von Praxisfällen sowie aktueller externer Forschung ergänzt.

Die Fallstudien verteilen sich auf vier Unternehmenstypen: überregionale Energieversorger (4), regionale Versorger und Stadtwerke (15), reine Netzbetreiber (5) und Projektentwickler (2).
Inhaltlich decken die Fälle die gesamte Wertschöpfungskette ab: fünf in Erzeugung, acht in Transport und Verteilung, drei im Handel, vier in Vertrieb und Kundenservice, fünf in Querschnittsfunktionen sowie einen im Verkehrssegment.

Die Fallauswahl bildet bewusst umsetzungsstarke Unternehmen ab und ist keine repräsentative Branchenumfrage. Alle Nutzenangaben sind Selbstauskünfte der Unternehmen; nicht belastbar quantifizierte Effekte sind als Ziel, Erwartung oder qualitativer Mehrwert gekennzeichnet.

Kontaktieren Sie uns

Dr. Johannes Schneider
Dr. Johannes Schneider

Partner, Strategy& Österreich

Dirk Niemeier
Dirk Niemeier

Director, Strategy& Deutschland