Elektro-Trendwende zum Jahreswechsel in Deutschland wahrscheinlich

München, 30. Oktober 2024

Pressemitteilung

  • In Europa werden im traditionell umsatzstarken letzten Quartal des Jahres BEV-Einbußen erwartet, da viele OEMs ihren Verbrennerbestand abbauen, um besser für die strengeren CO2-Ziele ab 2025 gerüstet zu sein
  • Deutschland büßt erneut seine Position als Leitmarkt ein, legt aber im September deutlich zu
  • Um mögliche Strafzölle zu umgehen, werden chinesische OEMs ihre Produktion in Europa vermutlich stark ausbauen
  • Bereits 2030 könnten chinesische OEMs in Europa über 700.000 PKW herstellen, das wären mehr als 5% der europäischen Gesamtproduktion
  • Zugleich erreicht der Marktanteil von E-Autos in den USA ein Rekordniveau, begünstigt durch Steuererleichterungen beim Leasing

Auch wenn Deutschland im Ländervergleich weiterhin zurückliegt, lassen die starken Septemberzahlen eine Trendwende erkennen, die sich zum Jahreswechsel verstärken dürfte. Das zeigt der aktuelle „Electric Vehicle Sales Review“ von PwC Autofacts® und Strategy&, der globalen Strategieberatung von PwC, in dem die Neuzulassungszahlen in weltweit 21 ausgewählten Märkten ausgewertet werden. Vor dem Hintergrund der verschärften CO2-Ziele im kommenden Jahr drängen die Hersteller mit neuen Modellen zu immer attraktiveren Preisen in den unteren Segmenten auf den Markt, was dem Hochlauf neuen Schwung verschaffen dürfte.

Starker BEV-Monat September in Deutschland lässt hoffen
Während China seine Vormachtstellung festigt, stagniert der europäische E-Auto-Markt und ist laut Studie mit 2% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum kaum gewachsen. Deutschland verzeichnet beim Marktanteil der BEVs mit -37% im Vergleich zum Vorjahr einen Rekordverlust und zieht auch den europäischen EU-5-Markt um 12% nach unten. Im Gegensatz dazu steigen in Großbritannien im dritten Quartal dieses Jahres die BEV-Verkäufe um 20% und machen nun 20% der Gesamtverkäufe aus. Damit verliert Deutschland im dritten Quartal 2024 erneut seine Rolle als europäischer Leitmarkt bei den BEV-Neuzulassungen an Großbritannien. Allerdings deuten die BEV-Verkäufe im September 2024 erste Anzeichen einer Erholung in Deutschland an und stiegen mit 17% Marktanteil auf den Monats-Höchststand dieses Jahres. Dazu beigetragen haben attraktivere BEV-Modelle, die zu niedrigeren Preisen auf den Markt kamen, sowie mehr Wachstum im Flottenmarkt.

Schärfere CO2-Ziele als BEV-Booster
Eine Trendwende könnte nach Ansicht der Experten zum Jahreswechsel kommen: Ab Januar 2025 gelten EU-weit strengere CO2-Ziele. Um diese zu erreichen und Geldstrafen zu vermeiden, werden viele OEMs ihre BEV-Verkäufe auf das Jahr 2025 schieben und im letzten Quartal 2024 ihre Verbrennerbestände abbauen. „Der Übergang zum E-Auto verläuft nicht linear und nach Lehrbuch. Vielmehr wechseln sich dynamische Beschleunigung und Stagnation ab“, unterstreicht Felix Kuhnert, Partner und Automotive Leader bei PwC Deutschland. „Der Ruf nach Technologieoffenheit sowie die umfangreiche Förderung von Verbrennern in Europa behindern den Hochlauf von Elektroautos in Europa und gefährden den Industriestandort. Wenn wir auch in Deutschland mit Hilfe des E-Autos auf den Wachstumspfad zurückkehren wollen, braucht es ein orchestriertes Vorgehen von Industrie und Politik. Smarte Mobilität braucht smarte Incentivierungen“, sagt PwC-Experte Kuhnert weiter.

Schutzzölle als Pyrrhus-Sieg
Die geplanten EU-Strafzölle könnten die chinesischen E-Auto-Exporte nach Europa zwar kurzfristig um bis zu 25% reduzieren, langfristig jedoch einen gegenteiligen Effekt auslösen. Da die diskutierten Zölle ausschließlich rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge (BEVs) und nicht die derzeit exportstärkeren Plug-in-Hybride (PHEVs) betreffen, beeinflussen sie Chinas führende Position auf dem globalen E-Auto-Markt demnach nur in Teilen.

Die Strafzölle verschafften den europäischen Herstellern kurzfristig etwas Luft, vor allem, um in den niedrigen und mittleren Preisklassen vorübergehend besser zu bestehen. Mittelfristig jedoch könnte die protektionistische Maßnahme chinesische OEMs dazu antreiben, ihre Produktion nach Europa zu verlagern. Das würde die Wirkung ins Gegenteil verkehren, da eine Überkapazität in europäischen Fabriken entstehen könnte.

Der Aufbau einer lokalen BEV-Produktion in Europa durch chinesische Hersteller ist dabei ebenso denkbar wie eine Produktion in Werken europäischer Partner. Auch der Import und die Montage von halb oder vollständig zerlegten Fahrzeugen oder die Auslagerung an europäische Auftragshersteller kommen für chinesische OEMs in Frage.

US-Markt auf Wachstumskurs
Der E-Auto-Markt in den USA ist zugleich auf Wachstumskurs. Im vierten Quartal 2024 könnte der Markanteil der BEVs die psychologisch wichtige 10%-Marke durchbrechen. Vor allem BEVs und Hybride erfreuen sich in den USA großer Beliebtheit und wuchsen im Jahresvergleich mit 11% beziehungsweise 28%. PHEVs hingegen haben – anders als in China – einen geringen Marktanteil von etwas über 1% und verzeichnen den ersten Rückgang im Jahresvergleich seit mehreren Quartalen. Ein Grund dafür sind höhere Anschaffungspreise dieser Fahrzeuge. Dynamisiert wird der BEV- und Hybrid-Boom in den USA durch eine immer besser ausgebaute Lade-Infrastruktur, hohe Angebotsvielfalt, Teslas Bereitstellung ihrer Supercharger für Fremdmarken und staatliche Leasing-Subventionen durch den Inflation Reduction Act (IRA) der Biden-Regierung. Geleaste E-Fahrzeuge können dadurch die volle Steuergutschrift von 7.500 US-Dollar erhalten, auch wenn sie nicht in den USA produziert wurden.

„E-Mobilität ist längst massen- und alltagstauglich. Jetzt geht es darum, mit attraktiven Angeboten breite Bevölkerungsschichten zu erschließen. Vor allem China und die USA eilen hier voraus. In China zeigen die staatlichen Förderungen für BEV-Einsteigerfahrzeuge und Plug-in-Hybride Wirkung und tragen maßgeblich zum großen Wachstum der Märkte bei. In Europa hingegen wird der gemessene CO2-Wert von PHEVs aufgrund einer EU-Gesetzesänderung in den nächsten Jahren steigen und die Brückentechnologie PHEV in ein Auslaufmodell verwandeln“, sagt Jörn Neuhausen, Senior Director und Leiter Elektromobilität bei Strategy& Deutschland. „Um langfristig konkurrenzfähig zu bleiben, könnten für Deutschland die USA ein Vorbild sein. Attraktive und staatlich geförderte Leasing-Modelle erreichen nicht nur investitionssensible, risikoaverse Käuferschichten. Sie sorgen auch für eine nachhaltige Elektrifizierung des Marktes, da viele Fahrzeuge nach Leasing-Ende in den Gebrauchtwagenmarkt einfließen,“ so Neuhausen.

Über Strategy&

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Annabelle Kliesing
Annabelle Kliesing

Senior Manager Communications and Thought Leadership, Strategy& Deutschland