Reform der Gebührenordnung für Ärzte

Reform der Gebührenordnung für Ärzte: Auswirkungen auf Labormarkt und Versorgungsstrukturen in Deutschland

Executive summary

Vor der Therapie einer Erkrankung steht die ärztliche Diagnose. Der Weg hin zu dieser ist ohne eine hochentwickelte Labordiagnostik heute nicht mehr vorstellbar. Rund 70% der medizinischen Diagnosen werden maßgeblich unter Zuhilfenahme einer umfassenden labor­me­dizinischen Untersuchung gestellt. Auch die Beurteilung chronischer Krankheits­ver­läufe ist zumeist ohne Labordiagnostik nicht möglich. Laborverlaufspara­meter werden hierbei zur zeitlichen Verlaufs­beur­teilung benötigt. Der Nutzen der Labordiagnostik für die Qualität des gesamten Krankheits­manage­ments eines Patienten ist in allen medizinischen Fachkreisen unbestritten.

Seit dem Jahre 2010/2011 verhandeln der Verband der Privaten Kranken­versicherung und die Bundesärztekammer über die komplette Reform der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ). Der Reformprozess befindet sich in der Endphase.

Im Rahmen des Reformprozesses wird auch die Labordiagnostik (Kapitel M)neu bewertet. Von der Vergütungsreform des Kapitels M der GOÄ werden alle Ärzte betroffen sein, die Laborleistungen zur Patientenversorgung erbringen. Die Gruppe der Laborversorger umfasst laborfachärztliche Labore, Krankenhauslabore, Laboreigenerbringer und alle niedergelassenen Ärzte, die Laborleistungen in der eigenen Praxis erbringen oder als Mitglied einer Laborgemeinschaft beziehen.

In der Öffentlichkeit werden die möglichen Auswirkungen der geplanten Vergütungsreform auf die Laborversorger und die Patienten bisher wenig diskutiert. Mit der hier vorliegenden Studie sollen die betreffenden Wirkzusammenhänge transparent aufgezeigt und damit ein Beitrag zu einer informierten Diskussion der Betroffenen geliefert werden.

In Gesprächen mit Marktteilnehmern im Laborbereich wurde deutlich, dass mit einer erheblichen Absenkung der GOÄ-Vergütung im Kapitel M gerechnet wird. Im Bereich der Basislaborleistungen (MII) wird eine Ab­senkung von bis zu 60% befürchtet. Bei den Speziallaborleistungen (MIII und MIV) wird eine verminderte Absenkung von bis zu 30% diskutiert. In Bezug auf die Vorhalteleistungen (MI) wird spekuliert, dass deren Vergütung nicht wesentlich von dem bisherigen Niveau abweichen wird.

Welche Folgen hat eine Absenkung der GOÄ-Vergütung für die einzelnen Laborversorger und die Patienten?

Laborfachärztliche Labore müssen substantielle Einbußen bei den Honoraren hinnehmen. Die Reaktionsmöglichkeiten zur Kostensenkung bei gleichzeitigem Erhalt der Versorgungsqualität sind aufgrund des bereits sehr hohen Rationalisierungsgrades im deutschen Labormarkt beschränkt. Maßnahmen zur Reduktion von Durchführungskosten mittels Erhöhung von Serienlängen oder zur Reduktion von Proben­logistikkosten könnten sich in einer verzögerten Verfügbarkeit von Labordiagnosen niederschlagen. Darüber hinaus sind Einsparungen im Personalbereich zu erwarten, die mit einem Verlust von Arbeitsplätzen einhergehen. Einige laborfachärztliche Labore werden vom Markt verschwinden. Dies wird eine weitere Konsolidierung des Marktes zur Folge haben, die wiederum mit einem weiteren Arbeitsplatzabbau einhergeht. Eine Niederlassung wird durch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen immer unattraktiver. Viele jüngere Laborfachärzte werden deshalb noch häufiger ein Anstellungsverhältnis vorziehen. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass Innovationen verlangsamt in den deutschen Markt eingeführt werden. Forschung und Entwicklung werden potenziell sukzessive ins Ausland verlagert und der Anschluss an wegweisende Zukunftsfelder, wie beispielsweise die therapiebegleitende Diagnostik („Companion Diagnostics“), möglicherweise verpasst. Zudem könnten sich durch das neue europäische Medizinproduktegesetz regulatorische Hürden und mit diesen verbundene Kosten weiter erhöhen und ein Innovationsstopp damit wahrscheinlicher werden. Die Qualität und die Verfügbarkeit der Laborversorgung geraten damit insgesamt in Gefahr.

Krankenhauslabore sind aufgrund ihres relativ hohen Anteils an abge­rech­neten Basislaborleistungen (MII) stärker als die laborfachärztlichen Labore von der diskutierten Absenkung der Vergütung betroffen. Durch diese würde ein wichtiger Beitrag zur Deckung der Laborkosten für sie wegfallen und die finanzielle Gesamtsituation der Krankenhäuser sich damit verschlechtern. Eine Absenkung der GOÄ-Vergütung wird diejenigen Krankenhäuser im Besonderen tangieren, deren Ergebnis­situation ohnehin angespannt ist.

Als mögliche Reaktion ist zu erwarten, dass Krankenhauslabore vermehrt Untersuchungen mit geringer Serienlänge an externe Labore abgeben. Auch ein Outsourcing des kompletten Labors wird als mögliche Reaktion genannt. Einige Leiter klinischer Labore sehen die zunehmende Fremdvergabe kritisch. Sie befürchten, dass dabei die diagnostische Qualität sinken könnte, weil ein direkter persönlicher Kontakt zwischen Kliniker und Laborarzt nicht mehr gegeben ist. Auch bei einem Out­sourcing des Labors an einen externen Anbieter wird die größere Schnittstelle zwischen Kliniker und Laborarzt als Risikofaktor angesehen.

Leiter von laborfachärztlichen Laboren, die Krankenhäuser mitversorgen, erachten die zunehmende Fremdvergabe und das Outsourcing des krankenhauseigenen Labors als weniger problematisch. Sie betonen, dass durch gute Service- und Beratungsleistungen ein Verlust an diagnostischer Qualität vermieden werden kann. Eine hohe Serviceleistung und -qualität können dabei insbesondere in Ballungszentren sichergestellt werden. Mit wachsender geografischer Distanz zwischen Labor und Krankenhaus und in strukturschwachen Regionen wird dies jedoch zunehmend schwieriger. Die Kostenoptimierung an dieser Schnittstelle würde damit eine gegenläufige Entwicklung zu dem Trend darstellen, dass insbesondere bei komplexen Krankheitsbildern klinische Fachärzte zukünftig noch mehr als bisher mit ihren Kollegen aus der Labormedizin interdisziplinär zusammenarbeiten müssen, so u. a. auch im direkten Gespräch.

Die Absenkung der Vergütung von Basislaborleistungen trifft neben den Krankenhäusern insbesondere diejenigen Ärzte, die Laborleistungen als Mitglied einer Laborgemeinschaft beziehen und abrechnen. Für viele niedergelassene Ärzte macht der Umsatz mit Laborleistungen aus der Laborgemeinschaft einen wesentlichen Teil ihres Praxisumsatzes aus. Eine Absenkung der Vergütung von Basislaborleistungen wird daher insbesondere angesichts der angespannten Niederlassungssituation von Hausärzten von Leistungserbringern kritisch gesehen.

Sollte neben der Absenkung der GOÄ-Vergütung zudem im EBM (dem Vergütungskatalog für kassenärztliche Leistungen) die Quotierung oder das Mengengerüst weiterhin sinken, würde sich die wirtschaftliche Situation aller Labore weiter verschlechtern und die beschriebenen strukturellen Veränderungen sowie negativen Auswirkungen auf die Versorgungsqualität weiter vorangetrieben.

Download PDF

  1. Ärzte Zeitung 09.09.2015: Windhorst rudert beim Honorarplus zurück – Chaos um GOÄ-Novelle.
  2. Ärzte Zeitung online 14.05.2015: GOÄ-Reform biegt auf Zielgerade ein.
  3. A. Bobrowski: Anforderungen an die Vergütung aus Sicht der Laborärzte. Vortrag, VDGH-Diagnostika-Forum am 29.01.2015 in Berlin.
  4. P. Borges: Quo Vadis Labormarkt: Trends und Perspektiven. Vortrag, VDGH-Diagnostika-Forum am 28.01.2011 in Berlin.
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  12. R. König: Labordiagnostik – Unterschätzte Expertise. KMA Sonderdruck Diagnostik, personalisierte Medizin 06/2013.
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  14. Medical Tribune Nr. 38, 18.09.2015: Dr. Windhorst kündigt beachtliche Honorarsteigerung an.
  15. M. Müller: Aktuelles aus der EBM-/GOÄ-Honorarpolitik. Vortrag, DELAB Fachtagung am 03.07.2015 in Mainz.
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