Bürger unterstützen die Medizin nach Maß durch ihre Daten

Acht von zehn Deutschen würden ihre persönlichen Daten preisgeben, wenn sie damit einen Beitrag zur Krebsforschung leisten können. Hat Sie dieses Ergebnis überrascht?

Michael Burkhart: Das Ausmaß hat mich schon erstaunt. Denn das Thema „Datenschutz“ wird in der deutschen Öffentlichkeit besonders kritisch diskutiert. Aber wir sehen auch: Die Angst vor Krebs ist ausgeprägt. Die Deutschen fürchten die Tumorerkrankung mehr als Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt, obwohl daran tatsächlich die meisten Menschen in Deutschland sterben. Entsprechend groß ist das Interesse an der Krebsforschung – ebenso wie die Bereitschaft, einen eigenen Beitrag zur Wissenschaft zu leisten, vor allem durch die Preisgabe von persönlichen Daten. Die Bürger wollen aber sichergehen, dass der Datenschutz gewährleistet ist. Ihre Daten würden sie nur mit einer vertrauenswürdigen Institution teilen, am liebsten mit akademischen Forschungseinrichtungen wie Universitäten.

Wie berechtigt ist die Hoffnung der Bürger – welche Fortschritte macht die Krebsmedizin derzeit?

Dr. Thomas Solbach: Enorme Fortschritte. Krebsdiagnostik und -therapie werden sich nach unserer Einschätzung in den nächsten drei bis fünf Jahren grundlegend verändern. Künftig wird es noch stärker als bisher darum gehen, mittels gezielter Diagnoseverfahren wie molekulargenetischen Untersuchungen von Tumorgewebe und Blut sowie aussagekräftigen Datenanalysen die Therapie individuell an den Patienten anzupassen. Das Stichwort ist dabei die personalisierte oder maßgeschneiderte Krebsmedizin, die das Wissen über die Krankheit mit neuen technologischen Möglichkeiten und individuellen Patientendaten verbindet. In Zukunft ist es daher vorstellbar, dass wir weniger Medikamente „von der Stange“ (= große und aufwändige klinische Studien an hunderten bis tausenden Patienten mit Entwicklungszeiten von ca. zehn Jahren) und mehr „maßgeschneiderte“ Therapien im Einsatz sehen (= Testung neuer Moleküle oder Medikamentenkombinationen anhand von innovativen Diagnoseverfahren). Dies setzt jedoch ein fundamentales Umdenken in der Medikamentenentwicklung, -zulassung und -produktion voraus – und zwar bei allen Stakeholdern im Gesundheitswesen.

Warum hat die personalisierte Krebsmedizin ein solch großes Potenzial?

Burkhart: Die Krebsforschung weiß seit langem, dass die Krankheit unterschiedlich verläuft, und nicht jeder Patient gleich auf eine Therapie anspricht. Wenn es dem Gesundheitswesen gelingt, große Datenbestände aufzubauen – und dazu sind die Bürger bereit, wie unsere Studie zeigt –, können Krebspatienten künftig deutlich zielgerichteter behandelt werden. Die Chancen auf Heilung steigen enorm, die Risiken von unerwünschten Nebenwirkungen sinken, wenn die Therapie individuell an den Patienten angepasst ist – und dies nicht nur zu Beginn der Therapie, sondern über den Gesamtverlauf. Außerdem lässt sich so vermeiden, dass Erkrankte sich einer belastenden Therapie unterziehen müssen, auf die sie gar nicht ansprechen.

Die moderne Krebsforschung und -therapie hat ihren Preis. Inwieweit sind die Bürger bereit, die hohen Kosten zu akzeptieren?

Dr. Solbach: Die Akzeptanz ist ausgeprägt, wie unsere Studie zeigt: Etwa sechs von zehn Deutschen halten die Kosten für eine moderne medikamentöse Krebstherapie, die jährlich schnell bei 50.000 Euro und mehr pro Patient liegen kann, für gerechtfertigt – insbesondere dann, wenn ein Nutzen nachweisbar ist. Etwa ein Viertel hält die Preise für Krebsmedikamente dagegen für überteuert, auch unabhängig von deren Nutzen. Das Kostenbewusstsein ist gestiegen, auch in der Gesundheitsbranche. Wir wissen aber, dass die personalisierte Medizin die Medikamente nicht zwingend teurer macht, sondern dazu beitragen kann, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Unsere Strategy&-Umfrage 2017 hat gezeigt, dass Pharmafirmen weltweit durch die personalisierte Medizin eine Senkung der Entwicklungskosten für Medikamente um 17 Prozent oder 26 Milliarden Euro jährlich erwarten.

Wie steht es um die Spendenbereitschaft der Bürger für die Krebsforschung?

Burkhart: In diesem Punkt reagieren die Deutschen eher zurückhaltend – lediglich ein knappes Drittel wäre bereit, die Krebsmedizin finanziell zu unterstützen. Eher können sich die Bürger vorstellen, an Studien teilzunehmen, wie 67 Prozent bestätigen, oder die Forschung durch die Weitergabe persönlicher anonymisierter Daten voranzubringen (64 Prozent).