Effizienzpotentiale durch eHealth: Studie im Auftrag des Bundesverbands Gesundheits-IT – bvitg e.V. und der CompuGroup Medical SE

27.04.2017

Zusammenfassung der Studienergebnisse

Die vorliegende Untersuchung untermauert den positiven Wertbeitrag, den eHealth bei der Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen und effizienten Gesundheitsversorgung leisten kann. Wenngleich die umfängliche Adoption von Informations- und Kommunikationstechnologie aktuell, u. a. aufgrund von Datenschutz-Vorbehalten noch schwer vorstellbar erscheint, verdeutlichen Positivbeispiele aus benachbarten Anwendungsbereichen, dass sich die Frage nach einer Integration digitaler Lösungen in den Versorgungsalltag von einer Grundsatzfrage („Ob?“) zu einer Frage des Zeitpunktes („Wann?“) entwickeln wird.

Der Gesetzgeber hat wiederholt eine Weiterentwicklung von eHealth gefordert bzw. in kleinen Schritten eingeleitet. Auch die kontinuierlich steigende Anzahl an Pilotprojekten, Förderinitiativen sowie die sich ausweitende Angebotspalette von eHealth-Anwendungen, hervorgebracht von Kostenträgern, Leistungserbringern und der Privatwirtschaft zeigen einen klaren Trend hin zu einer durchgängigeren Digitalisierung des Gesundheitswesens auf. Dennoch ist im Status-Quo festzuhalten:

1. Die Potentiale von eHealth bleiben aktuell noch weitgehend ungenutzt

Dies ist einerseits auf die bremsende Wirkung eHealth-spezifischer Rahmenbedingungen zurückzuführen, spiegelt parallel jedoch auch die Realität einer in vielen Bereichen bisher unzureichend nachgewiesenen ökonomischen und medizinischen Vorteilhaftigkeit von eHealth wieder. Zwar wird in einer überwältigenden Mehrheit existierender Studien ein positiver Effekt durch eHealth postuliert, der tatsächliche Nachweis in klassischen Studienformaten scheitert jedoch zu oft. Dennoch sind Effizienzpotentiale durch eHealth im täglichen Versorgungsalltag messbar, allenthalben erkennbar oder vielerorts zumindest vorstellbar. Um diese Potentiale erstmals entlang medizinisch validierter Behandlungspfade quantifizieren zu können, wird in vorliegender Untersuchung ein Idealzustand („idealer Referenzrahmen“) gedanklich vorausgesetzt. In diesem sind eHealth-Anwendungen bereits umfassend umgesetzt und in einer Gesamtlösung integriert. Denn für Entscheider im Gesundheitswesen und in der Politik wird es in zukünftigen Erörterungen von hoher strategischer Relevanz sein, einen Gesamtblick über eine durchgängig umgesetzte (ideale) eHealth-Lösung und deren Effizienzen einzunehmen.

2. Eine gesamthaft umgesetzte eHealth-Lösung führt zu einer signifikanten Verbesserung der medizinischen und operativen Exzellenz

Die pointierte Betrachtung von vier archetypischen Indikationsbereichen (Diabetes, Herzinsuffizienz, Rückenschmerzen und Schlaganfall) führt zu dem Ergebnis, dass eHealth zu einer nachweisbaren Verbesserung der medizinischen und operativen Exzellenz beitragen kann. Im Rahmen der Analyse wird aufgezeigt, dass bspw. Krankenhausaufenthalte von Herzinsuffizienzpatienten oder akute Notfallsituationen aufgrund einer Falsch-/ Fehl- oder Doppelmedikation durch eHealth verhindert werden können (=medizinische Exzellenz).

Ein zusätzliches signifikantes Effizienzpotential ergibt sich aus der Vermeidung von Informationsverlusten an Schnittstellen und Sektorgrenzen (=operative Exzellenz). Durch eine einheitliche Informationsgrundlage des gesamten Behandler-Teams werden Doppeluntersuchungen vermieden und Leistungserbringer von nichtmedizinischen Routineaufgaben entlastet oder durch Expertensysteme in ihrer Arbeit nachhaltig unterstützt. Durch Nachuntersuchungen per Videotelefonie können zusätzlich Zeiträume zwischen Regeluntersuchungen bedarfsgerecht verlängert bzw. verkürzt und Patiententransporte vermieden werden. Zielgerichtete ambulante Versorgungsformen – insbesondere in ländlichen Regionen – werden so häufig erst ermöglicht. Die dargestellten Ergebnisse untermauern insoweit die Chance, für die ärztliche Heilkunst dringend notwendige Ressourcen zu heben und somit einen Beitrag für die Herausforderungen der Zukunft zu leisten.

3. Das (monetäre) Effizienzpotential durch eHealth im deutschen Gesundheitswesen beträgt nach Extrapolation der Studiengrundlage ca. 39 Mrd. Euro

Unter Annahme der vollständigen Erreichung eines „idealen“ Referenzrahmens, ergibt sich ein jährliches (monetäres) Effizienzpotential durch eHealth in Höhe von ca. 39 Mrd. Euro bzw. 12,2% der gesamten Krankheitskosten in 2014 (Jahr der herangezogenen Grunddaten). Die Quantifizierung erfolgt durch Extrapolation der Studiengrundlage (vier detailliert betrachtete Indikationsbereiche) und auf Basis zentraler, mit Ärzten validierten Annahmen, u. a. dass vergleichbare Indikationsbereiche grosso modo auch ein vergleichbares Effizienzpotential durch eHealth aufweisen können. Das Effizienzpotential wurde durchgängig unter Heranziehung von Primärstudien und konservativen Grundannahmen abgeleitet, bspw. bleiben indirekte Krankheitskosten (insb. Arbeitsunfähigkeit) hier unberücksichtigt. Im Kontext der Quantifizierung wurde zusätzlich Wert darauf gelegt, dass notwendige medizinische Behandlungen in vollem Umfang und leitliniengestützt erfolgen und damit negative Auswirkungen auf die Versorgungsqualität von Patienten ausgeschlossen sind.

4. Ärztliche Expertise ist durch eHealth nicht ersetzbar – vielmehr unterstützt eHealth bei der medizinischen Entscheidungsfindung und erleichtert sektorübergreifende & multidisziplinäre Versorgungsmodelle

Ärztliche Expertise ist durch IT-gestützte Systeme in keinster Weise ersetzbar. Oberstes Gut jeder medizinischen Behandlung ist und bleibt der persönliche Arzt-Patienten-Dialog und die zugrundeliegende Vertrauensbeziehung, die nur dann gewährleistet sein kann, wenn die Behandlungshoheit beim Arzt verbleibt.

eHealth wirkt demnach nicht als Substitut für ärztliche Leistung, sondern unterstützt diese bei Therapieentscheidungen und schafft Freiräume, die in Anbetracht der zunehmenden Arbeitsverdichtung zur Intensivierung der Arzt-Patienten-Beziehung (Stichwort „Aufwertung der sprechenden Medizin“) eingesetzt werden können.

5. Zur Realisierung des Effizienzpotentials ist u. a. die Telematikinfrastruktur (TI) als zentrale Basisaustauschplattform zu etablieren und neben prioritären Anwendungen zuvorderst die Umsetzung einer elektronischen persönlichen Patientenakte anzustreben

Zur Realisierung der quantifizierten Potentiale sind strategische Entscheidungen von Stakeholdern aus Gesundheitswesen und Politik unabdingbar. Aus der Summe der vorliegenden Analysen sowie nach Ansicht der im Rahmen dieser Studie befragten Akteure kristallisieren sich fünf prioritäre Handlungsfelder heraus. Diese Handlungsfelder umfassen die Entwicklung eines nationalen eHealth-Zielbildes zur Systematisierung wesentlicher Anwendungsbereiche, die durchaus zunächst Pilotcharakter aufweisen können. Des Weiteren ist die TI als sichere Kommunikationsinfrastruktur im Gesundheitswesen forciert aufzubauen. Zur Stärkung der TI sind offene Schnittstellen zur Integration von Anwendungen aus dem weniger regulierten „Zweiten“ Gesundheitsmarkt zu entwickeln, um den bereits heute häufig weit fortgeschrittenen Versorgungslösungen einen strukturierten Einsatzrahmen zu gewährleisten. Als dritte Handlungsempfehlung ergibt sich der frühzeitige und breitflächige Einsatz einer elektronischen persönlichen Patientenakte. Erst eine für den Patienten jederzeit zugängliche Patientenakte kann die informationelle Selbstbestimmtheit dessen gewährleisten und damit den verantwortungsvollen Umgang und Austausch von Gesundheitsdaten zwischen Patient und Arzt fördern. Die Möglichkeit zur selektiven Freigabe von Gesundheitsinformationen und zur orts- und zeitungebundenen Interaktion mit Leistungserbringern macht den Patienten zum „Manager seiner eigenen Gesundheit“ und versetzt ihn in die Lage, ein neues Selbstverständnis über seinen Gesundheitszustand zu entwickeln. Zur Sicherstellung der Nutzungsbereitschaft ist der Aufbau von „Digital Health Literacy“ sowohl für medizinisches Fachpersonal als auch in der Bevölkerung anzustreben. Die Umsetzung technisch komplexer Lösungen mit höchsten Sicherheits- und Funktionsanforderungen setzt eine starke Gesundheitswirtschaft in Deutschland voraus. Um eine nachhaltige Innovationsfähigkeit in Deutschland zu gewährleisten, ist der schnelle Transfer vom Forschungsvorhaben über den Piloten in die Breitenanwendung zu fördern. Gleichfalls ist ein Rahmen zu entwickeln, der über adäquate Studiendesigns zur Wirksamkeit von eHealth Anwendungen die besten Lösungen transparent macht.

Mit vorliegender Untersuchung soll untermauert werden, dass eHealth eine Schlüsselressource der zukünftigen Gesundheitsversorgung darstellen kann. Für die Integration digitaler Lösungen in konkreten Behandlungsepisoden wird es erfolgskritisch sein, wie zeitnah eine Balance zwischen Datenschutz, Bedienerfreundlichkeit und Funktionsweise von eHealth-Anwendungen gefunden wird. Der hierfür notwendige Abstimmungsprozess zwischen den beteiligten Stakeholdern ist in Anbetracht der geringen Potentialausschöpfung im Status Quo zwingend zu beschleunigen. Dass eine Realisierung positiver Effekte durch eHealth in Deutschland ohne Einschränkungen der Versorgungsqualität der Patienten möglich ist, konnte mit vorliegender Untersuchung bestätigt werden.

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„Digitale Vernetzung kann Leben retten.“1
Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe

  1. Im Rahmen der ersten Lesung des eHealth Gesetzentwurfs im Deutschen Bundestag – 3. Juli 2015.

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