Drahtseilakt zwischen Sparzwang und Investitionsdruck für Europas Banken

München, 06.06.2019

Rückgang der Erträge um 3% bei Privatkundenbanken in Europa / Deutsche Banken unter den Schlusslichtern in Europa bei Betriebsgewinnen / Mehr als die Hälfte der europäischen Banken haben keine ausgeglichene Kostenstruktur / Einseitiger Fokus auf Kostenreduzierung hemmt Ertragssteigerung

Gut ein Jahrzehnt nach der Finanzkrise kämpfen noch immer viele europäische Banken mit ihrem Privatkundengeschäft: Niedrige Zinsen sowie die stagnierende Bevölkerungs- und Vermögensentwicklung führten in Europa 2018 zu einem Rückgang der Erträge um 3%. Der operative Gewinn betrug bei deutschen Banken im Durchschnitt 159 Euro pro Kunde für das vergangene Jahr. Die europäischen Spitzenreiter in der Schweiz erzielten mit durchschnittlich 451 Euro pro Kunde fast das Dreifache. Insgesamt erreichten Banken mit einer ausbalancierten Kostenstruktur zwischen Sparkurs und gezielten Investitionen die besten Geschäftsergebnisse, wie der „2019 Strategy& Retail Banking Monitor“ zeigt. In die Analyse einbezogen wurden rund 50 Privatkundenbanken und Bankengruppen in Europa – sowie Nordamerika und Australien als Vergleichsgrößen – mit insgesamt 715 Mio. Kunden sowie geschätzten Privatkundeneinlagen und Kreditvolumina in Höhe von 17,1 Bio. Euro.

Im europäischen Vergleich sind Schweizer Banken beim Gewinn pro Kunde führend. Dahinter zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Ländern: Befördert durch Konsolidierungen, Kostenmanagement und überdurchschnittliche Preismacht erzielen beispielsweise Italiens Banken trotz niedrigem BIP einen der höchsten Gewinne pro Kunde. Belgische, spanische und niederländische Banken erreichen mit Blick auf ihr wirtschaftliches Umfeld angemessene Ergebnisse. Bei Banken in Großbritannien oder Nordeuropa drücken dagegen die zu geringen Einnahmen die Performance. Banken in Frankreich haben ein Kostenproblem und deutsche Geldinstitute schließlich kämpfen an beiden genannten Fronten.

Getting the balance right: How European banks can maximize their full potential in retail

Wegbrechende Einkommensquellen veranlassen Banken dazu, ein möglichst niedriges Aufwand-Ertrags-Verhältnis (cost-to-income ratio, CIR) anzustreben. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass eine ausbalancierte CIR zwischen 53-65% die besten Ergebnisse für Banken hervorbringt.

„Banken sollten ihren strategischen Fokus nicht einseitig auf Kostensenkungen richten. Die besten Retailbanken Europas schöpfen das Geschäftspotenzial ihrer Kunden in allen Bereichen aus, von der Konto- und Erstbankbeziehung über Spar- und Investmentangebote bis hin zu Krediten. Diese Institute erzielen operative Gewinne, die doppelt bis vierfach so hoch ausfallen wie beispielsweise bei einer hocheffizienten Direktbank. Die Mehrheit der traditionellen Banken, aber auch viele der mobilen Neobanken, sollten daher dringend ihr Geschäftsmodell neu ausbalancieren“, erläutert Andreas Pratz, Partner bei Strategy&.

Von den untersuchten rund 50 Banken und Bankengruppen weist allerdings lediglich etwa die Hälfte eine solche ausgeglichene Kostenstruktur auf. Und nur rund jede Achte dieser Banken verbucht einen Gewinn pro Kunde von über 480 Euro. Sie gehören damit zur kleinen Gruppe der „fitten“ Institute, die im Rahmen der Untersuchung identifiziert werden konnten. Das weitere gute Drittel der Banken mit ausbalancierter CIR erwirtschaftet hingegen mit durchschnittlich 180 Euro deutlich weniger Gewinn pro Kunde. Sie müssen eine strategische Transformation anstreben, die im Wesentlichen auf einer Stärkung ihrer differenzierenden Fähigkeiten sowie ihrer Kundenbeziehungen basieren sollte. Weiterhin gehören 20% der Institute zu den Banken, die eine CIR von unter 53% aufweisen und durchschnittlich 260 Euro Gewinn pro Kunde erwirtschaften. Durch ihre niedrige CIR sind diese Banken aktuell noch gut aufgestellt, hinsichtlich der zukünftigen Ertragskraft aber zu schwach ausgerichtet. Strategische Investitionen in Produktangebot und Service müssen zur Priorität werden, um ihre Kunden in allen Belangen bedienen zu können. Ein knappes Drittel der Institute hat eine zu hohe CIR von über 65%: Ihre momentane Kostenstruktur zeigt, dass sie signifikant mehr Geld je Kunde ausgeben, ohne entsprechend mit Geschäftsvolumen und Ertrag belohnt zu werden. Beispielsweise mit Hilfe moderner IT-Lösungen können diese Banken Betriebsmodell, Organisation und Prozesse und somit ihre Kostenstruktur optimieren.

„Im Kampf der Geldinstitute und Neobanken können sich europäische Kunden auf breitere und zunehmend digitalisierte Angebote freuen. Nicht zuletzt durch die bevorstehende Öffnung der Banken für Drittanbieter im September 2019 mit der Umsetzung der PSD2 werden hier viele neue Geschäftsmodelle entstehen. Gleichzeitig müssen die Banken im schrumpfenden Markt weiter Kosten einsparen und in den kommenden Jahren beispielsweise in Deutschland ihre Filialdichte drastisch verringern – der Weg zum nächsten Schalter wird weiter werden“, schließt Andreas Pratz.

Methodik

Im Rahmen des „2019 Strategy& Retail Banking Monitor“ wurden rund 50 Privatkundenbanken und Bankengruppen in Europa, Nordamerika und Australien mit insgesamt 715 Mio. Kunden sowie geschätzten Privatkundeneinlagen und Kreditvolumina in Höhe von 17,1 Bio. Euro untersucht.

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