Die Zukunft der Gesundheit vorantreiben: Das digitalisierte Gesundheitswesen als Herausforderung und Chance für die Pharmaindustrie

Dr. Thomas Solbach, Dr. Malte Kremer, Patrick Grünewald, Daniel Ickerott
03.07.2019

Zusammenfassung

Im Jahr 2030 wird die Gesundheitsversorgung patientenzentriert sein und Krankheiten vorbeugen anstatt sie zu behandeln. Daten und Algorithmen ermöglichen personalisierte Gesundheitslösungen, die sich nahtlos in den Alltag der Patienten integrieren. Das Gesundheitssystem wird auf diese Weise völlig neu organisiert und reguliert.

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Dieser Wandel erfordert eine Transformation aller Gesundheitsbereiche. Ärzte und Pflegekräfte müssen ihre Rollen neu definieren, Regulierungsbehörden müssen akzeptable Rahmenbedingungen für digitale Gesundheitslösungen und den Austausch sensibler Daten schaffen, und Kostenträger müssen neue Arten und Wege der Ausgaben berücksichtigen.

Darüber hinaus werden Veränderungen in den globalen öffentlichen und privaten Gesundheitsbudgets erwartet: Der Schwerpunkt wird weniger auf der Behandlung und Pflege liegen, als vielmehr auf Prävention, Diagnose und digitalen Lösungen in Form von mobilen Anwendungen, intelligenten Überwachungsgeräten und Analysetools, die künstliche Intelligenz (KI) einsetzen.

Laut einer Umfrage von Strategy& unter mehr als 120 Führungskräften der weltweit führenden Pharmaunternehmen, werden die weltweiten Gesundheitsbudgets bis zum Jahr 2030 insgesamt um 10 Prozent steigen. Einige Experten rechnen sogar mit einer Steigerung von bis zu 42 Prozent. Die Ausgaben pro Patient werden hingegen erwartungsgemäß bis zu 28 Prozent sinken, was auf die überproportional steigende Zahl der Menschen mit Zugang zu Gesundheitsversorgung zurückzuführen ist.

Gleichzeitig werden Technologieunternehmen - und nicht die etablierten Pharmaunternehmen - den Wandel des Gesundheitswesens gestalten. Der #FutureOfHealth Index von Strategy& zeigt, dass die Pharmaindustrie Technologieriesen als dominierende Katalysatoren für diese Trends erkennt, wohingegen Regulatoren eindeutig als Bremser bewertet werden. Als Grund für die Bewertung kann die umfangreiche Expertise von Technologieunternehmen im Umgang mit Daten und Analysen genannt werden.

Tatsächlich haben Big Tech Player den Präventions- und Diagnostikmarkt bereits mit eigenen Produktentwicklungen betreten und in den letzten Jahren eine zunehmende Anzahl von Patenten angemeldet. Auch durch Akquisitionen und Übernahmen drängen Tech-Unternehmen in Richtung Behandlung vor – und damit in das traditionelle Segment von Pharmaunternehmen.

Eine Zukunft mit niedrigeren Gewinnspannen stellt die Pharmabranche vor eine große Herausforderung. Unter der Annahme, dass die Betriebskosten pro Patient auf dem aktuellen Niveau bleiben, wird ein erheblicher Druck auf die derzeitigen durchschnittlichen Nettoumsatzrenditen von 25 Prozent bis 2030 ausgeübt. In einem der denkbaren Szenarien könnten diese Renditen auf 17 Prozent sinken; in einem Ernstfall sogar verschwinden.

Wenn die Pharmaindustrie bereit ist, sich strategisch in neue Bereiche wie Diagnostik, Prävention und digitale Gesundheitslösungen zu entwickeln, ergeben sich erhebliche Chancen. Die Zukunft des Gesundheitswesens bietet Unternehmen drei Möglichkeiten: Weitere Effizienzsteigerungen zu erzielen und Marktanteile zu gewinnen; in neue Wachstumsbereiche, wie beispielsweise personalisierte und präventive Medikamente zu investieren sowie in digitale Gesundheitsanwendungen vorzudringen; oder beides zu tun.

Die meisten Pharmaunternehmen erkennen, dass dieser Wandel schnell kommen wird:

  • 96% der Befragten sind sich ganz (64%) oder teilweise (32%) einig, dass die Zukunft des Gesundheitswesens menschengetrieben (wobei der Einzelne seine Gesundheit zunehmend selbst steuert), präventiv, personalisiert, digital und in das tägliche Leben integriert ist sowie neue Regulations-, Organisations- und Geschäftsmodelle ermöglicht.
  • 68% erwarten, dass dieses Szenario bis 2030 in den wichtigsten Gesundheitsmärkten die Norm sein wird.
  • 75% sehen die Zukunft des Gesundheitswesens als Chance für die Pharmaindustrie, wenn die Branche bereit ist, sich selbst zu verändern.
  • 85% sagen, dass einige oder alle Schlüsselelemente der Zukunft des Gesundheitswesens in ihrer Unternehmensagenda enthalten sind.
  • Lediglich 25% gehen die Herausforderung ganzheitlich an.

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Nur wer früh genug handelt, wird den Wandel als Chance nutzen können. Denn die in den Healthcare-Markt drängenden Technologiefirmen haben mit Blick auf die neuen Wachstumsfelder mehrfache Startvorteile. Die traditionellen Pharmakonzerne müssen entweder sehr viel effizienter werden, um ihre Margen zu halten, oder sie investieren gezielt in Wachstumsfelder wie Diagnostik, Prävention und Digital Health-Lösungen.

Dr. Thomas Solbach Partner, PwC Strategy& Germany

Wie kann die Pharmaindustrie mit diesen Herausforderungen umgehen?

Das Gesundheitswesen neu erfinden
Ausgehend von einem jahrzehntelang erfolgreichen Geschäftsmodell und -umfeld sollten Pharmamanager die zukünftige Gesundheitslandschaft grundlegend neugestalten. Es müssen Antworten auf die drängendsten Fragen des Gesundheitswesens gefunden werden: Was sind die wichtigsten gesundheitlichen Bedürfnisse des Menschen? Ist die Gesellschaft bereit dazu, eine Prämie für Innovationen im Gesundheitswesen zu zahlen? Werden Medikamente das Hauptgeschäft der Pharmaindustrie bleiben, oder wird es in Zukunft auf Daten oder digitalen Therapeutika basieren?

Einen klaren Standpunkt definieren
Pharmaunternehmen müssen ihre strategische Position definieren. Dabei gibt es drei Möglichkeiten:

  • Ein traditioneller Arzneimittelhersteller bleiben, die Effizienz deutlich verbessern und neue Marktanteile zu gewinnen
  • Neue Bedeutungsbereiche in der breiteren Gesundheitslandschaft erschließen, wie z.B. präventive Digitallösungen
  • Einen kombinierten Ansatz verfolgen

Das Geschäft neu ausrichten
Pharmaunternehmen müssen ihre herkömmliche Denkweise ablegen und herausfinden, wie sie in neue Bedeutungsbereiche eindringen und zukünftige Gewinnspannen sichern können.

  • Kultur und Führung: In der gesamten Organisation eine Denkweise etablieren, die von einer "Test/Fail/Learn"-Mentalität geprägt ist und in der keine Angst vor dem Wandel herrscht, sondern kontinuierliche Veränderungen als Differenzierungsmerkmal verstanden werden. Mitarbeiter müssen weitergebildet werden und entscheidungsfreudig sein - mit dem Wissen, dass ihre Führungskräfte sie dabei unterstützen.
  • Sozialkompetenzen und -systeme: Mitarbeiter einstellen, die über neue Fähigkeiten in der Entwicklung und Vermarktung digitaler Gesundheitslösungen, in der Bioinformatik und im Kundenerlebnis verfügen. Dazu können Anreizmodelle eingeführt werden, z.B. ein großzügigerer Aktienplan wie bei Startups. Mitarbeiter müssen die Möglichkeit haben, an innovativen Ideen arbeiten zu können.
  • Geschäfts- und Betriebsmodell: Offenheit für den Abschluss von gemeinsam finanzierten und geführten Partnerschaften garantieren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der neue Gesundheitsmarkt wahrscheinlich aus Ökosystemen komplementärer Akteure bestehen wird, die sich alle um den Patienten drehen.

Pilotprojekte einführen
Neue Strategien können mithilfe von Pilot-Projekten validiert werden. Aus Misserfolgen kann gelernt werden, um daraus ein neues, nachhaltiges Geschäftsmodell zu skalieren.

Die Zeit zum Experimentieren und Definieren einer Gewinnstrategie läuft ab. Die Zukunft der Gesundheitsversorgung wird spannend, voller Chancen und neuer Konkurrenten sein.

Handeln Sie jetzt, um diese Zukunft mitzugestalten.

#FutureOfHealth

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Dr. Thomas Solbach

Partner, Strategy& Germany

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