Die Zukunft der deutschen Verteidigungsindustrie

26 November, 2019

Executive Summary

Seit dem NATO-Gipfel von Wales 2014 steigen in Deutschland und weltweit die Verteidigungsbudgets und die Beschaffungsvolumina für neue Waffensysteme. Diese entwickeln sich im Zuge der Digitalisierung zunehmend komplexer und werden multinational beschafft. Um die damit verbundenen Herausforderungen angesichts eines über lange Jahre schwachen Heimatmarkts und einer erstarkten internationalen Konkurrenz zu bewältigen, muss sich die deutsche Verteidigungsindustrie neu orientieren und zukunftsfähige Geschäftsmodelle entwickeln. Trotz aktuell gut gefüllter Auftragsbücher steht die Branche am Scheideweg.

Im Austausch mit führenden Entscheidungsträgern aus der deutschen Verteidigungsindustrie identifiziert Strategy& im Rahmen dieser Studie vier zentrale Herausforderungen, die die Branche aktuell überwinden muss:

(Wieder-)Aufbau von Kapazitäten und Kompetenzen

Seit den 1990er-Jahren schrumpfte der deutsche Verteidigungshaushalt kontinuierlich in Relation zum Bruttoinlandsprodukt. In der Folge wurden auch die industriellen Kapazitäten der deutschen Verteidigungsindustrie abgebaut und bestimmte Fähigkeiten nicht mehr nachgefragt. Die Trendwende ist mittlerweile durch die Bundesregierung eingeleitet, jedoch fehlen in der deutschen Verteidigungsindustrie nach den Jahren des Sparens nun Kapazitäten und zukünftig benötigte Kompetenzen. Deren (Wieder-)Aufbau braucht vor allem nachhaltige Planungssicherheit für die damit verbundenen Investitionen.

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Restriktive Exportpolitik

Seit 2015 lässt sich eine sinkende Anzahl an Exportgenehmigungen beobachten. Dies beeinträchtigt die Zuverlässigkeit der deutschen Industrie im Rahmen von multinationalen Rüstungsprojekten und führt zu einem Vertrauensverlust bei Partnernationen sowie Endkunden.

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Konsolidierungsdruck durch den internationalen Wettbewerb

Die Umsätze der weltweiten Top-10-Verteidigungsunternehmen sind zwischen 1998 und 2018 massiv gestiegen. Dagegen fielen die deutschen Unternehmen zurück. Die deutsche Verteidigungsindustrie ist größtenteils mittelständisch geprägt und ist daher im internationalen Vergleich zu fragmentiert, um von Skaleneffekten umfassend profitieren zu können.

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Digitalisierung und Vernetzung

Der Trend zu Digitalisierung und Vernetzung verändert sowohl die Technologie zukünftiger Waffensysteme als auch militärische Strategien. Die Entwicklung geht zu Informations- und Wirkverbünden über Systemgrenzen hinweg und fordert eine „System of Systems“-Fähigkeit. Mit der Digitalisierung gehen neue Bedrohungen im Cyberspace einher. Dies betrifft die Waffensysteme selber, aber auch die zunehmend digitalisierten internen Prozesse der Unternehmen.

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Im Hinblick auf diese Herausforderungen müssen die Unternehmen der deutschen Verteidigungsindustrie bewusste Entscheidungen zur Weiterentwicklung ihrer Geschäftsmodelle treffen, um an dem Aufschwung der Branche weiterhin angemessen partizipieren zu können. Dabei ergeben sich zwei übergeordnete Handlungsfelder für Industrie und die rahmengebende Politik:

  • Stärkung vorhandener Kompetenzen und Kapazitäten: Hochkomplexe Großprojekte erfordern eine Stärkung von Entwicklungs- und Produktionskapazitäten sowie die (Wieder-)Erlangung der Gesamtsystemfähigkeit in Schlüsselbereichen.
  • Entwicklung neuer Kompetenzen, Produkte und Services im Zuge der Digitalisierung: Die Verteidigungsindustrie muss agilere Prozesse und kürzere Entwicklungszyklen implementieren, um mit den sich zunehmend beschleunigenden Technologiezyklen mithalten zu können. Gleichzeitig sollte die Kooperation mit hochinnovativen, teilweise zivilen Start-ups vorangetrieben werden.

Nach Jahrzehnten des Kompetenz- und Kapazitätsabbaus gilt es nun, sowohl die steigenden nationalen Budgets als auch die Digitalisierung als Chancen zu begreifen. Die gestiegenen Anforderungen durch zunehmend komplexere Systeme und die Notwendigkeit multinationaler Zusammenarbeit erfordern dabei eine enge und innovative Zusammenarbeit zwischen etablierter Verteidigungsindustrie, neuen digitalen Unternehmen und Politik.

Jan H. Wille Strategy& Germany

Um diese Handlungsfelder zu adressieren, können sich die Unternehmen – basierend auf ihren differenzierenden Kernfähigkeiten – an sechs Strategie-Archetypen orientieren:

1. Globaler Anbieter

Globale Abdeckung verschiedenster Märkte und Kunden durch komplexe Gesamtsysteme (‚Systems of Systems‘) und den Aufbau integrierter, globaler Supply Chains.

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2. Fokus auf Nischenprodukte

Entwicklung spezifisch führender Produkte und Subsysteme in für ausgewählte Märkte und Produktsegmente mit dem Ziel der Technologieführerschaft.

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3. Regionale Fokussierung

Fokussierung auf wachsende Ausgaben für die Beschaffungen der Bundeswehr und weitere Organisationen mit Sicherheitsaufgaben durch kontinuierliche Verbesserung des Portfolios.

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4. Betreibermodell

Effiziente Bereitstellung von Ressourcen und Positionierung durch ein wettbewerbsfähiges Preis-Leistungsangebot mit dem Trend zu Performance-based Logistics (PBL) mit einer nutzungsabhängigen Abrechnung.

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5. Militarisierung ziviler Produkte

Überführung kommerzieller Technologien aus der zivilen in die militärische Nutzung zu einem starken Preis-Leistungsverhältnis über Skaleneffekte und schnelle Adaption an den Kunden.

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6. Disruptiver Innovator

Das Unternehmen spezialisiert sich auf die Ablösung traditioneller Geschäftsmodelle mittels wegweisender Technologie basierend auf dem Einsatz digitaler Plattformen, wo immer sinnvoll und möglich.

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Dr. Hans-Jörg Kutschera

Partner, PwC Strategy& (Germany) GmbH

Dr. Jan H. Wille

Partner, PwC Strategy& (Germany) GmbH

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