Gezielte Kostensteuerung und wirksame Prävention durch ein datenbasiertes Simulationsmodell
Manuel Meske, Dr. Thomas Solbach, David Richter und Thorsten Weber
1 Einleitung
Das deutsche Gesundheitssystem zählt zu den teuersten Europas. Mit Ausgaben von 538 Milliarden Euro im Jahr 2024 – das entspricht 12,4% des Bruttoinlandsprodukts – liegt Deutschland EU-weit an der Spitze. Trotz überdurchschnittlicher Investitionen in Prävention erreicht die Bevölkerung jedoch im Schnitt 0,7 weniger gesunde Lebensjahre als in vergleichbaren Nachbarländern. Das Problem liegt nicht im Volumen der Ausgaben, sondern in deren Wirksamkeit.
Strukturelle Ineffizienzen verschärfen diese Herausforderung: Ein fragmentiertes Parallelsystem aus gesetzlicher (GKV) und privater Krankenversicherung (PKV), unkoordinierte Versorgungspfade und ein Vergütungssystem, das Behandlung statt Vermeidung von Krankheit honoriert, verhindern wirkungsvolle Prävention. Hinzu kommt die Morbiditätsexpansion, denn chronische Erkrankungen treten früher auf und dauern länger an. Allein vier Krankheitsgruppen – Herz-Kreislauf-, psychische, Verdauungs- und Muskel-Skelett-Erkrankungen – verursachen mit 228,4 Milliarden Euro fast die Hälfte aller Krankheitskosten.
Genau hier setzt der Healthy Twin an. Als digitales Abbild der Gesundheit eines Versicherten verbindet er die Reichweite bevölkerungsbezogener Prävention mit der Präzision personalisierter Medizin. Diese Studie in Kooperation mit PwC zeigt, wie der Healthy Twin Versicherten, Krankenkassen, Leistungserbringern und Arzneimittelherstellern konkrete Mehrwerte liefert und dabei hilft, das Gesundheitssystem von einer reaktiven Behandlungslogik zu einer wirkungsorientierten Versorgungssteuerung zu transformieren.
2 Methodik
Der Healthy Twin ist ein datengetriebenes, versicherungstechnisches Simulationsmodell, das den erwarteten Krankheits- und Kostenverlauf einzelner Versicherter oder ganzer Risikogruppen prognostiziert. Im Zentrum steht nicht die medizinisch-physiologische Abbildung eines Patienten, sondern die ökonomische Bewertung realer gesundheitlicher Risiken auf Basis strukturierter Versicherungsdaten.
Das Modell leitet die statistisch wahrscheinliche Krankheitsprogression und die daraus resultierenden Kosten ab und vergleicht diese Entwicklung systematisch mit den Effekten konkreter Versorgungs- sowie Präventionsmaßnahmen. Damit beantwortet der Healthy Twin eine zentrale Steuerungsfrage der Krankenversicherung: Welche Präventionsleistung amortisiert sich bei welchem Versicherten in welchem Zeitraum?
Die Funktionsweise folgt einem strukturierten, reproduzierbaren Verfahren – von der Modellierung individueller Risikoprofile über die Prognose von Krankheits- und Kostenverläufen bis hin zur Bewertung präventiver und versorgungssteuernder Maßnahmen.
3 Wirkungsweise
Der Wert des Healthy Twin entsteht nicht durch Reichweite, sondern durch Treffsicherheit. Pauschale Präventionsprogramme verteilen ihre Mittel über die gesamte Versichertenpopulation – unabhängig davon, ob das individuelle Eskalationsrisiko hoch oder niedrig ist. Der Healthy Twin dreht diese Logik um: Er macht sichtbar, bei wem eine Maßnahme wirkt, wann sie wirkt und ab wann sie sich rechnet.
Die Kostendynamik des Systems wird nicht primär durch das Alter, sondern durch Multimorbidität getrieben – nach den Modellrechnungen entfallen rund 80% der Gesundheitsausgaben auf multimorbide Versicherte. Der größte Hebel liegt damit nicht in der Behandlung, sondern in der frühzeitigen Intervention vor der Eskalation zur Multimorbidität. Daraus folgt eine klare Reihenfolge über den Lebensverlauf: Verhinderung von Morbidität, Verhinderung von Multimorbidität, Management und Eskalationsvermeidung sowie Abbau von Überversorgung.
Auf jeder Stufe liefert der Healthy Twin wertvolle Erkenntnisse: Er beziffert, bei welcher Kohorte welche Maßnahme zu welchem Zeitpunkt den größten medizinischen und ökonomischen Effekt erzielt. Aus einer pauschalen Leistungszusage wird so ein differenziertes Steuerungsinstrument – Prävention wird nicht länger breit subventioniert, sondern dort konzentriert, wo Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit zusammenfallen.
4 Ausblick
Die heutigen gesetzlichen Rahmenbedingungen bieten bereits vielfältige Möglichkeiten zur Implementierung gezielter und datenbasierter Versorgungsinnovationen. Zusatz- und Selektivverträge verschaffen den gesetzlichen Krankenversicherungen die nötige Flexibilität, um den Healthy Twin für prädiktive Analytik in klar definierten Versichertengruppen zu erproben. Zukünftig eröffnet der Healthy Twin folgende Perspektiven:
Mit Blick auf 2030 wird die ePA zur zentralen Plattform und Datengrundlage des Healthy Twin. Als dynamischer Datenhub verknüpft sie medizinische Befunde, Abrechnungs-, Lifestyle- und Versorgungsdaten nahtlos miteinander – und schafft so die Voraussetzung für eine durchgängig personalisierte Versorgung.
Ein digitaler Gesundheitscoach – als App oder Plattform – übersetzt die Analysen des Healthy Twin in eine interaktive, personalisierte Nutzererfahrung. Er bündelt die Interaktion zwischen Versicherten, Krankenkassen, Leistungserbringern und digitalen Gesundheitsanwendungen und schließt die Lücke zwischen analytischem Modell und individueller Gesundheitsentscheidung.
Durch die frühzeitige Erkennung individueller Risiken lassen sich kostenintensive Spätfolgen bei Volkskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf- und muskuloskelettalen Erkrankungen vermeiden. Bereits im ersten Jahr sind so Einsparungen von rund 10% für das Gesundheitssystem realisierbar – bei gleichzeitig steigender Versorgungsqualität.
Der Einsatz des Healthy Twin erfordert klar definierte Datenschutz- und Datennutzungskonzepte. Zentrale Voraussetzungen sind eine zweckgebundene Datenverwendung, transparente Einwilligungsprozesse und robuste technische Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz sensibler Gesundheitsdaten.
Sein volles Potenzial entfaltet der Healthy Twin nur im Zusammenspiel aller Akteure – von Politik und Krankenversicherungen über Leistungserbringer und Industrie bis hin zu Ethikkommissionen. Gelingt dieses Zusammenspiel, transformiert er Prävention von einer allgemeinen Leistungszusage zu einem steuerbaren, investiven Instrument nach dem Prinzip: Krankheiten nicht besser behandeln, sondern ihre Entstehung zielgerichtet verhindern.
Hans-Fabian Ahrens, David Martin Holte, Benjamin Nukic, Sina Linnemann und Paulina Zörner waren an der Erstellung der Studie beteiligt.