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Deutsche Unternehmen mit ambitionierten ESG-Zielen: Vorsicht vor dem Say-Do-Gap

Robert Bischof | Partner, Strategy& Deutschland
16.05.2022

Der Text erschien ursprünglich als Gastbeitrag in der Ausgabe 01/2022 von SustainableValue, das Online-Magazin für Nachhaltigkeit in der Unternehmenspraxis aus der Produktfamilie Deutscher AnwaltSpiegel: www.sustainablevalue-magazin.de.

ESG ist der Megatrend dieser Dekade. Der Begriff umfasst die Dimensionen Umwelt, soziale Aspekte sowie Unternehmensführung (Environmental, Social, Governance). ESG bildet den Rahmen für Unternehmen und Investoren, ihren ökologischen und sozialen Impact zu analysieren und zu thematisieren. Die diesjährige UN-Klimakonferenz COP26 hat die Bedeutung von ESG gefestigt und weiter mit konkreten Zielen untermauert. Knapp 200 Länder haben sich zu gemeinsamen ESG-Zielen bekannt, besonders hervorzuheben ist hierbei die gemeinsame Verpflichtung zum Kohleausstieg. Darüber hinaus haben auch unterschiedliche Industriegruppen im Rahmen der Konferenz ihre Ziele neu definiert. Das Resultat: Weltweit sind nun nahezu alle Unternehmen Teil der ESG-Transformation. Deutschland ist hierbei als ambitionierter Vorreiter hervorzuheben. Dies wird auch durch die neue Bundesregierung unterstrichen, deren Vorhaben stark von ESG-Themen geprägt sind. Das zeigt bereits, dass die Nachhaltigkeit direkt im Titel des Koalitionsvertrags erwähnt wird.

Auch Unternehmen haben ihre Verpflichtungen bereits erkannt. Seit Beginn der Pandemie stieg die Anzahl der veröffentlichen ESG-Verpflichtungen auf das Vierfache. Zunehmend beobachten wir allerdings die Gefahr eines Bruchs zwischen den Unternehmenszielen und ihren Taten – ein sogenanntes Say-Do-Gap. In diesem Artikel gehen wir auf die Risiken des Say-Do-Gaps ein und zeigen anhand konkreter Handlungsempfehlungen, worauf es für Unternehmen ankommt, um eine erfolgreiche ESG-Transformation zu realisieren.

Unternehmens-Commitments im Überblick – ein Wettrennen entsteht

Der "ESG-Commitment Index" von Strategy& verdeutlicht den rapiden Anstieg von ESG-Ambitionen in der weltweiten Unternehmenslandschaft. Die gesetzten Ziele reichen dabei von Klimaneutralität und Diversität bis hin zu Menschenrechten und Korruptionsbekämpfung. Verpflichtungen im Bereich Umwelt sind zum aktuellen Zeitpunkt überproportional vertreten. Getrieben von immer stärker werdenden Erwartungen der Öffentlichkeit, des Kapitalmarkts, der eigenen Kunden sowie der Geschäftspartner übertreffen die kommunizierten Ambitionen zudem in Teilen die immer weiter steigenden regulatorischen Anforderungen.

Social Taxonomy und nachhaltige Lieferketten als Katalysatoren

In den kommenden Monaten werden öffentliche ESG-Verpflichtungen weiter an Fahrt gewinnen. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich. Zum einen verpflichten sich größere Unternehmen vermehrt, ihre Lieferketten nachhaltig aufzustellen und fordern dazu ein erhöhtes Engagement ihrer Partner (z.B. Zulieferer) aktiv ein (ca. jedes dritte Commitment aus dem Bereich Soziales zielt auf Transparenz in der Lieferkette ab). Zum anderen nimmt auch der Druck der Regulatorik weiter zu: Mit Einführung der neu vorgeschlagenen CSR-Richtlinie der EU wird sich die Anzahl von Unternehmen in Deutschland verzehnfachen, die ab dem Berichtsjahr 2023 zum Thema ESG Stellung beziehen müssen. Darüber hinaus wird im Jahr 2022 die Social Taxonomy der Europäischen Kommission an Bedeutung gewinnen. Diese wird aktuell entwickelt und soll künftig Investitionen in wirtschaftliche Aktivitäten lenken, die soziale Aspekte in den Vordergrund stellen. Daher erwarten wir, dass Unternehmen entsprechend reagieren werden, weswegen die Anzahl der kommunizierten Commitments im Bereich “Social” im neuen Jahr massiv an Traktion gewinnen wird.

Achtung vor dem Say-Do-Gap

Nun gilt es, den Worten Taten folgen zu lassen und die ESG-Transformation konsequent voranzutreiben, um die hochgesteckten und publizierten Ziele zu erreichen. Andernfalls droht das Entstehen eines Say-Do-Gaps, also einer Diskrepanz zwischen dem, was gesagt wird und dem, was tatsächlich getan wird. Im Falle eines Say-Do-Gaps keimt schnell der Verdacht des Green-, Blue- oder Pinkwashings auf, was die Authentizität eines Unternehmens in Frage stellt und erhebliche Risiken mit sich bringt. In vielen Führungsetagen scheint allerdings ein konkreter Fahrplan für die anstehende Herausforderung zu fehlen. In einer unserer Studien geben etwa drei von vier Unternehmen an, erst am Beginn ihrer ESG-Reise1 zu stehen. Des Weiteren gibt nur etwa ein Viertel der Corporate Directors an, die mit ESG verbundenen Risiken „sehr gut“2 zu verstehen. Diese realen Risiken sind jedoch nicht zu unterschätzen, wie sich bereits in der Vergangenheit gezeigt hat:

  • Geschädigte Reputation durch Untätigkeit als Folge eines Public Shamings durch Medien oder Shitstorms auf Social-Media-Kanälen
  • Vertrauensverlust von Investoren und Kunden, zum Beispiel durch inkonsequente Aktionen zur Bekämpfung des Klimawandels oder unzureichende Standards im Unternehmen und in der Lieferkette
  • Verschärfte Regulierung bis hin zu juristischen Sanktionen, wie etwa in der Automobilindustrie nach dem Abgasskandal

1 https://www.pwc.com/gx/en/issues/esg/esg-revolution.html
2 https://www.pwc.com/us/en/services/governance-insights-center/library/annual-corporate-directors-survey.html

Was müssen Unternehmen jetzt tun?

Reine Ankündigungskommunikation ist nicht ausreichend. ESG befindet sich mittlerweile in einem Stadium, in dem die bloße Ankündigung von Zielen und Absichten nicht mehr ausreichend ist, um sich als Unternehmen am Markt zu differenzieren. Zum einen sind reine Ankündigungen allein aufgrund der (vor allem auch regulatorisch erzwungenen) zunehmenden Transparenz mittel- bis langfristig nicht glaubhaft. Zum anderen ergeben sich auf kurzer Sicht keine Vorteile mehr, da relevante Stakeholder (zu denen inzwischen eine zunehmende Anzahl von Investoren gehört) sowie Klimaaktivisten Handlungen mit struktureller Tragweite einfordern, statt sich mit punktuellen Kommunikationsaktivitäten zu begnügen.

Für Unternehmen geht es nun darum, ihre Authentizität zu bewahren, indem sie realisierbare Roadmaps mit belegbaren Aktivitäten entwickeln, deren Umsetzung konsequent vorantreiben und den Fortschritt berichten. Das Herzstück ist dabei eine komplette Integration von Nachhaltigkeit in die Unternehmensstrategie. Dies basiert auf einer strategischen Wesentlichkeitsanalyse, die Themen nach ihren Auswirkungen auf das Unternehmen sowie die Bedeutung für die Stakeholder priorisiert. Die daraus resultierende Strategie wird über eine klare Governance in der Organisation verankert, durch ein in sich konsistentes und fokussiertes ESG-Narrativ an externe Stakeholder getragen und mit konkreten Aktivitäten und Handlungen unterfüttert.

Zu den wichtigen Themenfeldern zählen das End-to-End-Management der CO2-Emissionen im eigenen Betrieb sowie der Lieferkette, wobei zunächst ein Überblick über Aktivitäten mit dem größten Ausstoß geschaffen werden muss. Die Themen Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft müssen vor allem aus einem strategischen Winkel betrachtet werden. Dies umfasst auch die generelle Transparenzschaffung in der Lieferkette. Zudem müssen Unternehmen regulatorische Anforderungen umsetzen und sollten ihre Produkte und Dienstleistungen mit differenzierenden ESG-konformen Angeboten anpassen. Parallel dazu können Unternehmen Finanzierungsvorteile der EU-Taxonomie, wie etwa Green Bonds oder mit ESG-Zielen verbundene Kredite, nutzen.

Unternehmen mit einem authentischen Auftreten haben die Möglichkeit, ESG-Wachstumspotenziale voll auszuschöpfen. Dazu müssen sie jedoch das Say-Do-Gap vermeiden. Ausgangspunkt ist hierfür ein holistischer und in der Geschäftsstrategie verankerter ESG-Ansatz. Allem voran gilt: Es kommt nicht auf die Anzahl der publizierten ESG-Ziele und Aktionen eines Unternehmens an; viel wichtiger ist, dass die Ziele und deren Erreichung auch belegbar sind.

 

Ferdinand Habbel und Sebastian Weitz haben ebenfalls zu der Erstellung dieses Artikels beigetragen.

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