Genf, 15.04.2015
World Economic Forum Pressemitteilung: Digitale Armut hemmt Wachstum und Entwicklung weltweit

Genf, Schweiz, 15. April 2015 – Entwicklungs- und Schwellenländer weltweit schöpfen nicht das volle Potenzial der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) aus. Es gelingt ihnen derzeit nicht, soziale und wirtschaftliche Veränderungen herbeizuführen und den Rückstand gegenüber weiter entwickelten Staaten aufzuholen. Zu diesem Ergebnis kommt der heute vom Weltwirtschaftsforum veröffentlichte Global Information Technology Report 2015.

  • Der Global Information Technology Report 2015 dokumentiert wachsende digitale Spaltung
  • Wirtschaftliche und soziale Vorzüge des Internets kommen nur einer Minderheit der Weltbevölkerung zugute
  • Singapur steht 2015 an der Spitze der netzwerkfähigen Länder weltweit; Die Schweiz belegt Rang 6, Deutschland Rang 13; die USA und Japan sind die einzigen nicht-europäischen Länder in den Top 10
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Der Networked Readiness Index (NRI) des Berichts bewertet die Netzwerkfähigkeit von 143 Volkswirtschaften.

Die aktuellen NRI-Daten weisen darauf hin, dass sich die Kluft zwischen den Spitzenreitern und Schlusslichtern zunehmend vergrößert. Die oberen 10 Prozent der Länder verzeichnen seit 2012 doppelt so viel Verbesserung wie die unteren 10 Prozent. Damit wird das Ausmaß der Herausforderung deutlich, der sich Entwicklungs- und Schwellenländer stellen müssen. Ihnen fehlt die dringend notwendige Infrastruktur, die Institutionen und Fähigkeiten,, um den vollen Nutzen aus Informationstechnologie zu ziehen. So haben derzeit nur 39 % der Weltbevölkerung Zugang zum Internet, obwohl mehr als die Hälfte inzwischen im Besitz eines Mobiltelefons ist.

Für das Jahr 2015 liegt Singapur weltweit auf Platz 1 des NRI bei der Nutzung von Informationstechnologie für soziale und wirtschaftliche Belange. Der Stadtstaat verdrängt damit Finnland von der Spitzenposition, die das Land seit 2013 innehatte. Als weiterer Vertreter Asiens ist nun auch Japan unter den Top 10 zu finden, das im Vergleich zum Vorjahr einen beeindruckenden Sprung von 6 Plätzen auf die 10. Position machte. Nach Finnland folgt Schweden auf Platz 3. Die bestplatzierte G7-Nation sind die USA (7), gefolgt vom Vereinigten Königreich (8). Deutschland als die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt steht auf Platz 13 und rutscht damit eine Stelle im Vergleich zum Vorjahr.

Der Fortschritt der größeren Schwellenländer in Richtung Netzwerkfähigkeit war größtenteils enttäuschend. Die Russische Föderation ist der führende BRICS-Staat und klettert im Jahr 2015 neun Plätze auf den 41. Rang. China belegt ebenfalls in der oberen Hälfte nach wie vor den 62. Platz. Alle übrigen BRICS-Länder fallen zurück, zuerst Südafrika (75., 5 Plätze verloren), gefolgt von Brasilien (84., 15 Plätze verloren) und Indien (89., 6 Plätze verloren).

„Das Beispiel der BRICS-Länder ist keine Ausnahme – viele andere Länder, die in den letzten zehn Jahren ihre NRI-Platzierung verbessern konnten, stagnieren derzeit oder fallen zurück. Das liegt zum Teil an der fortbestehenden Spaltung zwischen ländlichen und städtischen Gebieten und verschiedenen Einkommensgruppen innerhalb eines Landes, sodass ein Großteil der Bevölkerung von der digitalen Wirtschaft ausgegrenzt wird“, so Bruno Lanvin, verantwortlicher Direktor der Europäischen Initiative für Wettbewerbsfähigkeit (IECI) und der Global Indices-Projekte der INSEAD.

„Der Bericht zeigt, dass die digitale Spaltung zwischen den Ländern zunimmt, und das gibt Anlass zur Sorge, wenn man die rasante Weiterentwicklung der Technik betrachtet. Weniger entwickelte Länder laufen Gefahr, immer stärker zurückzufallen und es bedarf konkreter Maßnahmen, um dieses Problem anzugehen“, warnt Soumitra Dutta, Anne und Elmer Lindseth Dekan an der Samuel Curtis Johnson Graduate School of Management der Cornell University und Mit-Herausgeber des Berichtes.

Neben der vorhersehbaren Besetzung der oberen 30 Plätze durch Volkswirtschaften mit einem hohen Einkommen verweist der Bericht auf Länder, die sowohl was ihre Index-Punktzahl als auch ihren Index-Platz betrifft, erhebliche Fortschritte gemacht haben. Zu diesen starken Vertretern gehören Armenien (58.) und Georgien (60.), die sich seit 2012 am meisten verbessert haben. Außerhalb des Kaukasus und Zentralasiens haben sich die Vereinigten Arabischen Emirate (23.), El Salvador (80.) und Mazedonien (66.), Mauritius (45.) und Lettland (33.) im selben Zeitraum wesentlich verbessert..

Verbesserung können auch in einigen der schwächsten und am wenigsten entwickelten Länder beobachtet werden. Burkina Faso, Kap Verde, Kenia, Lesotho, Madagaskar, Mauritius, Nigeria, Tansania und Uganda haben ihren IKT-Markt vollständig liberalisiert. In Kenia und Tansania sind die Auswirkungen ähnlicher Reformen bereits spürbar.

„Mobiltelefone wird es bald allerorts geben, aber die IKT-Revolution erfolgt nicht über die Telefonie oder SMS. Ohne besseren Internet-Zugang kann ein Großteil der Weltbevölkerung nicht am enormen sozialen und wirtschaftlichen Nutzen der IKT teilhaben“, erläutert Thierry Geiger, leitender Ökonom des Weltwirtschaftsforums und Co-Autor des Berichts.

„Das Breitband hat Multiplikatoreffekte auf das Einkommen“, so Dr. Robert Pepper, Vizepräsident der Abteilung für Global Technology Policy bei Cisco. „Um sicherzugehen, dass die IKT für jedermann von Nutzen sind, muss die Breitband-Anwendung insgesamt ausgeweitet werden, insbesondere für Bevölkerungsgruppen mit einem geringen Einkommen. Nicht verbundene Länder und Menschen bleiben sonst außen vor.“

Allerdings reichen die Maßnahmen der Regierung zur Überwindung der digitalen Spaltung nicht aus: Es müssen auch Anstrengungen unternommen werden, um die Menschen zur Teilnahme an der digitalen Wirtschaft anzuhalten, meint Bahjat El-Darwiche, Partner von Strategy& und Leiter Kommunikation, Medien und Technologie des Unternehmens im Mittleren Osten: „Aufstrebende Märkte müssen einen beständigen Zufluss lokaler und relevanter digitaler Inhalte gewährleisten, wenn sie die Menschen zur Internetnutzung animieren wollen. Dafür müssen die Hauptakteure bei der Entwicklung des digitalen Ökosystems Hand in Hand arbeiten. Angesprochen sind hier Regierungen, Marken, Betreiber und Entwickler von Inhalten. Mehr und bessere Inhalte mit lokalem Bezug können Millionen von Menschen in aufstrebenden Märkten zu mehr Jobs und höherem Einkommen verhelfen.“

Unter dem Motto „IKT für integratives Wachstum“ enthält der Global Information Technology Report 2015 auch zehn Aufsätze von Experten, wie jeder seinen Nutzen aus der IKT-Revolution ziehen und daran teilhaben kann.

Der Bericht ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit des Weltwirtschaftsforums, INSEAD und der Samuel Curtis Johnson Graduate School of Management der Cornell University. Dabei fließt wertvolle Unterstützung von Cisco und Strategy& mit ein.

Die Herausgeber des Berichts sind Soumitra Dutta, Anne und Elmer Lindseth Dekan und Professor für Management an der Samuel Curtis Johnson Graduate School of Management, Cornell University; Thierry Geiger, leitender Ökonom im Weltwirtschaftsforum, und Bruno Lanvin, verantwortlicher Direktor, Global Indices, INSEAD.

Über den Networked Readiness Index
Seit 2001 analysiert der Networked Readiness Index (NRI) jährlich Faktoren, Politiken und Institutionen, die in einem Land zur Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zugunsten eines gemeinsamen Wohlstands beitragen. Die Auswertung basiert auf 53 individuellen Indikatoren in den vier Hauptgruppen Umwelt, Bereitschaft, Nutzung und Auswirkungen. Die individuellen Indikatoren nutzen eine Kombination von Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen und den Ergebnissen des sogenannten Executive Opinion Survey, einer weltweit vom Weltwirtschaftsforum in Zusammenarbeit mit seinem Netzwerk aus 160 Partnerinstituten an 13.000 Geschäftsführern durchgeführten Umfrage.