München, 03.05.2016
Steigender Reformdruck: Europäische Banken benötigen bis zu 65 Milliarden Euro zusätzliches Kapital

„2016 Stresstest“- Simulation von Strategy&

Um die Folgen der verheerenden Finanzkrise von 2008 und die Stabilität des Bankensektors zu verbessern, hat die europäische Bankenaufsicht in insgesamt fünf Tests die Stabilität der wichtigsten europäischen Banken durch Stresstests geprüft. Für den aktuell laufenden Stresstest könnten Europas Banken bis zu 65 Milliarden Euro zusätzliches Kapital benötigen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Simulation der Stresstest-Ergebnisse durch die Strategieberatung Strategy&, die Teil des PwC-Netzwerkes ist. Im diesjährigen Test werden die 51 größten europäischen Banken einmal mehr ihre Fähigkeit, schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen Stand zu halten, beweisen müssen. Anders als im letzten Stresstest müssen Banken in diesem Jahr keine formelle Hürde (Threshold) nehmen. Die Veröffentlichung der Ergebnisse wird zu Beginn des dritten Quartals 2016 erwartet.

Die Analyseergebnisse zeigen, dass auch ein halbes Jahrzehnt nach dem ersten Stresstest die Auswirkungen auf die teilnehmenden Banken signifikant sein werden. Die Messgröße der generellen Finanzkraft, die Tier-1-Kernkapitalquote (CET1), wird den Erwartungen zufolge um durchschnittlich 390 bis 600 Basispunkte sinken, nach einer Abnahme um 260 Basispunkte in 2014. Insgesamt müssten die Banken wahrscheinlich zwischen 15 und 65 Milliarden Euro frisches Kapital aufnehmen, um bei Eintritt der Szenarien ihre Kernkapitalquoten zu halten. Dies entspricht einem Anstieg der momentanen Eigenkapitalquoten um 1 bis 5% – wesentlich mehr als nach dem Test in 2014.

Dr. Philipp Wackerbeck, Leiter der Financial Services Practice von Strategy&, erwartet, dass der Reformdruck auf Banken weiter steigen wird: „Der diesjährige Stresstest ist ein weiterer Datenpunkt, der untermauert, dass strukturelle Veränderungen im europäischen Bankenmarkt dringend geboten sind. Initiativen wie der kürzlich in Italien beschlossene Banken-Rettungsfonds werden nur ein Pflaster, aber kein Heilmittel sein.“

Für Wackerbeck, enthalten die Ergebnisse eine klare Nachricht: „Mit dem 2016er Stresstest erhöhen die europäischen Bankaufsichten den Reformdruck für Banken.“ Diese Einschätzung basiert auf der Strategy&-Analyse der erwarteten Ergebnisse des diesjährigen Stresstests. Seit dem letzten Stresstest haben die Aufsichtsbehörden einige Änderungen an der Stresstestmethodik vorgenommen. Vier Bereiche werden dabei verstärkt ins Zentrum gerückt: Der Nettozinsertrag, der im derzeitigen Niedrigzinsumfeld stark unter Druck ist, die Empfindlichkeit gegenüber steigenden Volatilitäts- und Bewertungsrisiken am Finanzmarkt, die Art der Unternehmensführung im Licht der neu eingeführten Betrachtung von Verhaltensrisiken und die immer noch große Abhängigkeit von Kapitalinstrumenten, die im Rahmen von Basel III in den nächsten Jahren auslaufen werden.

Trotz der hohen Durchführungskosten wird erwartet, dass der Stresstest 2016 einen wertvollen Beitrag zur Stärkung des europäischen Finanzsektors leisten wird. Die Banken kämpfen weiterhin damit, ihre Bilanzen zu restrukturieren und ihr Geschäftsmodell an das aktuelle wirtschaftliche Umfeld anzupassen. Die Stresstestergebnisse werden zeigen, dass es aktuell noch zu viele leistungsschwache Banken gibt, die infolge einer begrenzten Ertragskraft Schwierigkeiten haben werden, adäquat auf die im Stresstest kalkulierten Verluste zu reagieren.

Banken, die ihre Widerstandsfähigkeit gegen Stress steigern wollen, sollten ihre Profitabilität strukturell verbessern und die Bilanzen restrukturieren – auch wenn diese Maßnahmen für den diesjährigen Stresstest bereits zu spät kommen. „Nach wie vor erwirtschaften Banken zu niedrige, nicht nachhaltige Renditen. Auf den Bilanzen liegen noch immer zu viele ‚Bad Loans‘ und Kapitalinstrumente, die unter Basel III auslaufen werden“, resümiert Wackerbeck die Situation. Dennoch ist es mit einer Bilanzrestrukturierung nicht getan: Für eine langfristige Optimierung der Geschäftsmodelle ist eine ganzheitliche Überprüfung der Strategie in Hinblick auf das aktuelle ökonomische und regulatorische Umfeld erforderlich. Sollten Banken diese Chance nicht ergreifen, wird es ihnen im nächsten Stresstest – oder in der nächsten Finanzkrise – nicht besser ergehen.


Presse- und Medienkontakt

Jan Liepold
LoeschHundLiepold Kommunikation GmbH
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