München, 03.03.2016
Zukunft europäischer Banken: Ergebnisse des European Banking Outlook

Nach einer krisengeprägten Dekade arbeiten europäische Banken in einem Umfeld anhaltend niedriger Zinsen weiter an der Stabilisierung der Industrie und der Implementierung neuer regulatorischer Maßnahmenpakete. Dabei ist vielen Marktteilnehmern die Wiederherstellung eines nachhaltig profitablen Geschäftsmodells bei Weitem noch nicht gelungen. So weisen 85% der 46 untersuchten und im EuroStoxx 600 notierten Banken signifikante Profitabilitätslücken auf und konnten ihre Kapitalkosten 2014 nicht erwirtschaften. Europaweit summierte sich der Fehlbetrag der Finanzinstitute auf eine Gesamthöhe von 125 Mrd. Euro. Lediglich ein geringer Teil von 15% der untersuchten Institute erwirtschafte in 2014 die unterstellten Kapitalkosten. Die teilweise prekäre Profitabilitätslage wird allerdings nicht vollumfänglich in den jeweiligen Kapitalmarktbewertungen reflektiert. Immerhin fast die Hälfte der untersuchten Institute wies ein durchschnittliches Preis-Buch-Verhältnis größer Eins auf, wurden also an der Börse ohne Abschlag auf den Buchwert gehandelt. Zwei Drittel dieser Banken erwirtschaftete aber die unterstellten Kapitalkosten nicht. Das sind die zentralen Ergebnisse des aktuellen European Banking Outlook von Strategy&, der Strategieberatung von PwC. Für die Analyse wurde die Lücke zwischen der Eigenkapitalrendite (Return on Equity) und den individuellen Eigenkapitalkosten, der sogenannte Economic Spread, untersucht. Damit wird eine fundamentale Schwäche in der klassischen Performance- und Wirtschaftlichkeitsbetrachtung, die Annahme konstanter Kapitalkosten, adressiert. Die Kapitalkosten werden unternehmensspezifisch über das industrieweit etablierte Capital Asset Pricing Model unter Rückgriff auf einen länderspezifischen und risikofreien, langfristigen Zinssatz berechnet.

Ertragsschwäche alarmiert Bankenaufsicht
Die Ergebnisse dieser Studie bekräftigen die Bankenaufsicht, welche die Tragfähigkeit und Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle zunehmend kritisch betrachtet und deren Prüfung als eine regulatorische Priorität für 2016 gesetzt hat. Die Botschaft scheint für Dr. Philipp Wackerbeck, Leiter der Financial Services Practice von Strategy& und Autor der Studie klar: „Im Zuge des aufsichtlichen Überprüfungs- und Bewertungsprozesses (Supervisory Review and Evaluation Process – SREP) werden die Regulatoren eine anhaltendende Ertragsschwäche nicht mehr ohne Weiteres durchgehen lassen.“

Eine spezifische Häufung von Problembanken in einzelnen Ländern lässt sich hingegen nicht feststellen – mangelnde Ertragsstärke ist ein europäisches Problem und Banken aus allen Ländern sind gleichermaßen betroffen. Lediglich bei Banken mit positivem Economic Spread ist eine Häufung von Instituten aus Nordeuropa erkennbar. Gründe hierfür sind neben individuellen Faktoren wie einer starken Wettbewerbsposition oder schlanken Kostenstrukturen auch die jeweiligen Marktcharakteristika. Allerdings sind auch die nordeuropäischen Länder von der aktuellen Zinssituation betroffen.

Innovative Geschäftsmodelle als Ergänzung zu Kostensenkungsprogrammen
Die Studie verdeutlicht aber auch, dass regulatorische Eingriffe eine zusätzliche Belastung für den Bankensektor darstellen. Diese schränken etablierte Geschäftsmodelle ein oder verteuern sie, steigern die Komplexität des operativen Betriebs und binden Ressourcen zur Sicherstellung der regulatorischen Compliance. Steigende Anforderungen von Kunden und zunehmende Konkurrenz durch Startups aus dem FinTech-Bereich erfordern zudem umfassende Investitionen in Innovationen, Produktion und Marketing. Gleichzeitig ist das makroökonomische Umfeld mit anhaltend niedrigen Zinsen und einem hohen Bestand an Problemkrediten vor allem in den südeuropäischen Peripheriestaaten immer noch herausfordernd. „Der Handlungsbedarf für die europäische Bankenindustrie ist enorm und mit klassischen Maßnahmen wie Kostensenkungsprogrammen allein wahrscheinlich nicht zu stemmen“, so Wackerbeck. „Banken müssen daher grundsätzlich weiter denken und die mit der Digitalisierung einhergehenden Möglichkeiten zur Transformation ihrer Geschäftsmodelle nutzen.“

Die Studie identifiziert drei strategische Optionen für eine zukunftsfähige und profitabilitätsorientierte Transformation des europäischen Bankensektors:

  • OEM Banken: Zeichnen sich durch geringe Integration bzw. Dekomposition der klassischen Wertschöpfungskette aus und binden externe Dienstleister ein, um ihre Leistungen möglichst effizient herzustellen. Dienstleister übernehmen dabei die Rolle eines Zulieferers analog der Automobilindustrie – dies ermöglicht die Fokussierung auf die zentralen Fähigkeiten und das Kerngeschäft.
  • Plattform Banken: Zeichnen sich durch eine offene Produktinfrastruktur aus und binden Angebote von Wettbewerbern und FinTechs in das eigene Produktangebot ein. Kernkompetenz ist das Management der Kundenbeziehung, Antizipation der Kundenbedarfe und Unterhalt einer offenen Infrastruktur. Wettbewerber werden so zu Partnern. Gleichzeitig kommen Plattform Banken mit einem reduzierten Bilanzeinsatz aus und arbeiten so kapitalschonender.
  • Digitale Banken: Zeichnen sich durch eine weitgehende Digitalisierung der kundenbezogenen, aber insbesondere der nachgelagerten Prozesse aus. Inspiriert vom Produktentwicklungsansatz aufstrebender Technologiekonzerne können sie schneller und effizienter auf neue kundengetriebene oder regulatorische Rahmenbedingungen reagieren.

„Der Wille zu einem konsequenten Veränderungsprozess muss bei den betroffenen Finanzinstituten vorhanden sein und in die Organisation getragen werden. Das wird aber sicher nicht allen Marktteilnehmern gelingen und der europäische Bankensektor daher wohl nicht um eine weitere Konsolidierung herumkommen“, so das Fazit von Wackerbeck.


Presse- und Medienkontakt

Jan Liepold
LoeschHundLiepold Kommunikation GmbH
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