München, 08.05.2012
68% der Pharma-Entscheider sehen das aktuelle Geschäftsmodell ihrer Branche als nicht länger tragfähig an

Globale Studie von Booz & Company: 58% der Pharma-Manager bereiten Patentabläufe schlecht vor und treten bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe bedeutend zu spät in den Dialog mit den Krankenversicherungen

Patente für mehr als 40% des heutigen Pharmaumsatzes weltweit laufen bis 2015 aus / Gesundheitspolitik verschärft den Preisdruck / Wachstum in der Pharmaindustrie kommt künftig primär aus den Schwellenländern

In Pharmaunternehmen herrscht weltweit enorme Unsicherheit, steht doch die gesamte Branche vor einem fundamentalen Strukturwandel. So erachten mehr als zwei Drittel (68%) der befragten Branchenmanager das aktuelle Geschäftsmodell der Pharmaindustrie durch den zunehmenden Preisdruck, die regulatorischen Veränderungen im Gesundheitssystem, die schärferen Zulassungsbedingungen für neue Wirkstoffe und nicht zuletzt die ausgedünnte Wirkstoff- und Produktpipeline als nicht mehr funktionstüchtig. Allein bis zum Jahr 2015 laufen Patente mit einem weltweiten Umsatz von rund 126 Mrd. Euro aus. Durch diese sogenannte Patentklippe sowie die damit einhergehende strategische Lücke im Produktportfolio droht den Pharmaunternehmen eine signifikante Erosion der bisherigen Erträge. Noch bedenkenswerter: 58 % der Verantwortlichen machen sich lediglich ein bis drei Jahre vor Ablauf des Patentschutzes und damit deutlich zu spät Gedanken über die Vermarktung ihres dann nicht mehr exklusiv angebotenen Wirkstoffes. Somit geben Pharmakonzerne eine Vielzahl von strategischen Möglichkeiten aus der Hand, ihre Altprodukte vor Generikawettbewerb und deutlicher Umsatzerosion zu schützen. Auch die entscheidenden Abstimmungen mit den Kostenträgern in Sachen klinische Relevanz für Neuprodukte finden bei 26% der Befragten erst während der Phase IIIa/b und bei 30% sogar erst nach der Phase III der klinischen Erprobung statt. Das jedoch ist für die künftige Preisgestaltung und die Produktentwicklung der Wirkstoffe deutlich zu spät.
Dies sind die zentralen Ergebnisse der aktuellen Studie „Pharma-Trends 2012“ der internationalen Strategieberatung Booz & Company. Befragt wurden weltweit über 150 Entscheider der Pharma- und Healthcare-Industrie zu den Marktentwicklungen und Vertriebsstrategien.

Strategische Schockstarre verhindert Wachstum
Ein weiteres Ergebnis: In Deutschland fehlen in der Branchenwahrnehmung verlässliche Parameter für relevante Planungs- und Investitionsentscheidungen. „Marktbestimmende Faktoren wie die Gesundheitspolitik, Patentrecht oder Arzneimittelzulassung durchlaufen aktuell einen radikalen Veränderungs-prozess. Viele Pharmaunternehmen reagieren darauf mit einer Art Schockstarre. Dabei müssten sie eigentlich neue Marketingfähigkeiten aufbauen, um Neu- und Altprodukte alternativ zu vermarkten. Nicht zuletzt stehen nun auch konsequente Kostensenkungen auf der Management-Agenda“, sagt Rolf Fricker, Partner und Pharmaexperte bei Booz & Company. Dabei muss sich die Branche nach einer langen Wachstumsphase auf eine drastische Konsolidierung einstellen. Das planbare Geschäft mit patentgesicherten Blockbustern und Megasellern neigt sich dem Ende entgegen und wird laut Studie in dieser Form auch nicht zurückkehren. „Blockbuster mit Anwendungspotenzial für ein breites Patientenspektrum sind immer schwerer zu entwickeln. Die Konzerne müssen dringend eine strategische Antwort darauf finden, wie sie ihre Wirkstoffe auch nach Ablauf der Patentrechte alternativ, flexibler und vor allem erfolgreich weiter vermarkten können“, so Fricker.

Mehr Planungssicherheit durch breiteres Portfolio
Der Trend geht weiterhin zu innovativen, meist hochpreisigen Therapien für seltene Krankheiten. Die Forschungsarbeit ist hier zwar spezifischer und somit entsprechend aufwändiger, dafür rechnet Booz & Company für dieses Marktsegment bis 2015 mit einem Umsatzplus von 10%. „Wer in der Pharmabranche langfristig erfolgreich sein möchte, muss sich auf seine Kernkompetenzen im eigenen Geschäftsmodell konzentrieren, neue Kompetenzen inhouse oder durch strategische Partnerschaften aufbauen sowie margenschwache Rand-Aktivitäten auslagern. Wir sehen auch die Ergänzung des Produktportfolios um Dienstleistungen oder Systemlösungen als einen wichtigen Hebel an“, konstatiert Fricker. So ist möglicherweise ein eigenes Standbein im Generikageschäft für einige Konzerne eine sinnvolle strategische Option, um im künftig stärker volumengetriebenen Geschäft weltweit Patienten mit bezahlbaren Medikamenten versorgen zu können und eigene Innovationen gezielt synergetisch zu vermarkten. Auch den Bereichen personalisierte Medizin und Diagnostik bestätigt die Booz-Studie großes Zukunftspotenzial. Weiteres Wachstum generiert Big Pharma dabei künftig voraussichtlich nicht mehr in Nordamerika, Europa oder Japan, sondern in Schwellenländern wie Brasilien, Russland oder China. Die von Booz & Company befragten Pharma-Manager erwarten, dass sich dieser Trend weiter verschärft und Deutschland als Investitionsziel der Unternehmen dabei zunehmend hinterfragt wird.