München, 08.03.2012
Fehlende Standardisierung gefährdet prognostiziertes Wachstum von knapp 50% im deutschen Cloud Computing–Markt

Standards zwingende Voraussetzung für Sicherheit und Anwenderfreundlichkeit / Neue Studie für Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie zeigt Handlungsbedarf für Politik und Wirtschaft auf / Langfristig Zertifizierung notwendig

Wachstum im Markt für Cloud Computing und die von Anwendern erhoffte Effizienzsteigerung lassen sich nur durch die rasche Etablierung von Standards realisieren. Dies ist eines der zentralen Ergebnisse der Studie „Das Normungs- und Standardisierungsumfeld von Cloud Computing“, die gestern im Rahmen der CeBIT von Booz & Company und dem Forschungszentrum Informatik (FZI) vorgestellt wurde. Die Studie ist im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) entstanden. Die internationale Strategieberatung Booz & Company hat in Kooperation mit dem FZI darin erstmalig die aktuelle Lage der Normung und Standardisierung für den Cloud-Standort Deutschland erfasst und Empfehlungen an Politik und Wirtschaft formuliert.

Cloud Computing bietet Unternehmen enorme Einsparpotenziale. Indem sie Teile ihrer IT wie Netz-, Rechenleistung und Speicherplatz, aber auch ganze Entwicklungs-Plattformen und Business-Applikationen in externe Infrastrukturen auslagern und bedarfsgerecht von Service Providern beziehen, können sie ihre bisher fixen IT-Kosten in variable Ausgaben umwandeln. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die Entwicklung des Cloud Computing-Marktes in Deutschland: Der Branchenverband BITKOM nennt aktuell ein 47%iges Umsatzwachstum von 2011 auf 2012. Drei von 5 Milliarden des prognostizierten Umsatzes sollen von Geschäftskunden getätigt werden, 2,3 Milliarden von Privatverbrauchern. Bis 2016 soll der Umsatz auf 17 Milliarden Euro steigen.

Standards als Voraussetzung, Zertifizierung als Langfristziel
Die größte Notwendigkeit für eine Standardisierung im Cloud Computing besteht in den Bereichen Sicherheit und Datenschutz, Verfügbarkeit der Services sowie Qualitätssicherung und Service Level Agreements. Zu den zentralen Herausforderungen zählen Interoperabilität, d.h. das nahtlose Zusammenspiel verschiedener Systeme, und Portabilität, also die Übertragbarkeit der Daten von einem System auf ein anderes. Laut Booz & Company sind effektive Standards aber nicht nur in technischen Aspekten essenziell. Auch in kommerzieller und rechtlicher Hinsicht besteht Standardisierungsbedarf – bis hin zu Musterklauseln, Richtlinien und einer Weiterentwicklung des Rechtsrahmens, etwa im Bereich Datenschutz. Für eine stärkere Anwenderakzeptanz sind laut Dr. Nicolai Bieber, Mitglied der Geschäftsleitung bei Booz & Company, auch Schritte in Richtung Zertifizierung wünschenswert. Ein allgemein anerkanntes Qualitätssiegel wäre ein Weg, um das bisher mangelnde Vertrauen der Anwender zu erlangen und so das prognostizierte Wachstum im Cloud-Sektor zu realisieren.

Deutscher Mittelstand im Nachteil
Über 150 derzeit existierende Standards und Standardisierungsbemühungen aus den Bereichen Technologie, Management und Recht sind in die Untersuchung eingeflossen. Laut Dr. Wolfgang Zink, Mitglied der Geschäftsleitung bei Booz & Company, ist gerade dieser Standardisierungsdschungel ein enormes Hindernis für Anwender: „Vor allem viele kleinere und mittelgroße Unternehmen werden sich nur für Cloud-Lösungen entscheiden, wenn ihnen verlässliche und effektive Standards Orientierung bieten. Mittelständler haben nicht die Marktmacht, ihre Interessen – etwa in Bezug auf Datenschutz – gegenüber den dominanten Anbietern wie Amazon oder Google zu wahren“, beschreibt er die Herausforderung. Die mangelnde Standardisierung führe dazu, dass Anwender nicht das notwendige Vertrauen in Cloud-Dienste entwickelten und ihnen so wertvolle Effizienzvorteile verloren gingen. Dies gelte im Besonderen für den Mittelstand und für Angebote in der Public Cloud, da hier die individuelle Einflussnahme entsprechend begrenzt ist.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) agiert als Impulsgeber für die Entwicklung des Cloud-Marktes. „Standards sind zentral für die Wirtschaft. Sie sind strategische Instrumente, die dabei helfen, Technologien weltweit zu verbreiten und Märkte zu entwickeln. Die Standardisierung bei Cloud Computing steht derzeit noch am Anfang. Ich setze mich dafür ein, dass die deutsche Wirtschaft zu einer Standardisierungs-Roadmap bei Cloud Computing gelangt“, beschreibt Hans-Joachim Otto, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, das Engagement. Das „Aktionsprogramm Cloud Computing“ des BMWi – in dessen Rahmen auch die Studie erstellt wurde - hat das Ziel, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen für Cloud Computing zu schaffen.

Standardsetzung auf Europäischer Ebene notwendig
Derzeit wird der deutsche Markt für Cloud Computing von großen US-amerikanischen Anbietern dominiert. Für hiesige Unternehmen gilt aber der im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum verbindliche Datenschutz. „Europäische Cloud-Aktivitäten müssen dies widerspiegeln“, so Zink. „Die Bestrebungen des BMWi, mit dem „Aktionsprogramm Cloud Computing“ Regelungen auf europäischer Ebene anzustoßen, sind deshalb ein wichtiger Schritt in Richtung Transparenz und Akzeptanz.“ Nur wenn verhindert wird, dass innerhalb der EU 27 eigene Programme und eigene Standards aufgelegt werden, könne ein europäischer Cloud Computing-Markt florieren.

Download der Studie „Das Normungs- und Standardisierungsumfeld von Cloud Computing“.