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Annähernde Verdoppelung des Umsatzes mit Biolebensmitteln bis 2016 erwartet

Nachfrage nach Biolebensmitteln 2010 wieder gestiegen / Erwartetes Wachstum des Bio-Food-Anteils am Gesamtumsatz von jährlich 10% bis 2016 / Discounter und Lebensmitteleinzelhandel (LEH) sorgen für Preisdruck / Besseres Image verschafft Fachhandel Vorteile / Nachholbedarf beim Bioanbau birgt für Landwirtschaft 28% Gewinnsteigerungspotential

Die deutsche Biolebensmittel-Industrie steht vor einem Novum: 2009 waren die Umsatzzahlen des bisher florierenden Geschäfts erstmals seit Beginn des Booms rückläufig. Die erfolgsverwöhnte Branche musste Umsatzeinbußen von etwa 1% auf 5,8 Mrd. Euro hinnehmen – verursacht durch die weltweite Rezession. Inzwischen erlebt Deutschland einen deutlichen Wirtschaftsaufschwung. Davon wird laut einer aktuellen Analyse von Booz & Company auch die Bio-Food-Industrie profitieren. Für 2010 zeichnet sich ein moderates Wachstum ab, von 2011 an rechnet die internationale Strategieberatung mit einem nachhaltigen Wachstum des Anteils von Biolebensmitteln am Gesamtumsatz von etwa 10% pro Jahr. “In Österreich und der Schweiz liegt der Anteil von Bioprodukten am gesamten Lebensmittelumsatz mit etwa 5% schon heute deutlich über dem deutschen”, erklärt Florian Beil, Mitglied der Geschäftsleitung bei Booz & Company. “Wir sehen ein ähnliches Potential für den deutschen Markt. Dieser könnte um vier bis fünf Mrd. Euro auf ein Gesamtmarktvolumen von 9 bis 10 Mrd. Euro im Jahr 2016 wachsen. Auf diese Veränderungen zu reagieren, ist für die Akteure der Lebensmittelindustrie und des Einzelhandels unerlässlich.”

Am Preis scheiden sich die Geister – und verändern die ganze Branche
Die Krise hat eines unübersehbar gemacht: Die Biolebensmittel-Industrie kennt zwei Arten von Kunden. Preissensible Verbraucher kaufen Bioprodukte vorwiegend in Discountern sowie dem LEH und schränkten ihren Konsum aufgrund der wirtschaftlich angespannten Lage 2009 stark ein – was diese durch drastische Preissenkungen von bis zu 7% zu kompensieren versuchten. Andererseits waren weniger preisorientierte Kunden, die eher in Fachgeschäften einkaufen, auch 2009 bereit, deutlich höhere Preise für Bioprodukte zu bezahlen. Für sie sind die Überzeugung von der Nachhaltigkeit und Qualität sowie Beratung und Vertrauen die entscheidenden Faktoren.

So differenziert sich der Markt zunehmend. Einerseits nutzen Discounter und LEH ihre Marktmacht, um sich Umsätze zu sichern, und verursachen einen enormen Preisdruck. Dieser erschwert es Biofachgeschäften, konkurrenzfähig zu bleiben: 1997 erwirtschafteten sie den Großteil des Gesamtumsatzes, der mit Biolebensmitteln erzielt wurde, 2009 lagen sie mit einem Anteil von nur noch 22% deutlich hinter dem konventionellen Lebensmitteleinzelhandel und den Discountern (56%). Diese Umverteilung hat Konsolidierungen zur Folge. Obwohl die Anzahl kleiner Biofachgeschäfte in den letzten Jahren stetig zurückging, stieg die Gesamtverkaufsfläche aufgrund verhältnismäßig vieler Neueröffnungen von großen Biofachgeschäften und -supermärkten stark an.

Andererseits kämpfen Discounter mit einem schwerwiegenden Imageproblem: Nach einer Umfrage von Utopia und Ketchum Pleon vertrauen 35,4% der Konsumenten, die besonders auf Nachhaltigkeit achten, Discountern nicht und halten die Kombination der Werteversprechen “bio” und “billig” für schwer bis kaum vereinbar. Daher sollten sich Fachmärkte dem Preiskampf entziehen und sich verstärkt auf Kunden konzentrieren, die vor allem Wert auf Qualität legen und weniger preissensibel sind.

Steigende Nachfrage macht Bioanbau attraktiv für Landwirtschaft
Das erwartete Marktwachstum im Biolebensmittel-Sektor bietet auch für die Landwirtschaft Chancen zur Gewinnsteigerung. Denn die Nachfrage nach Biolebensmitteln wächst in Deutschland deutlich schneller als die Bioanbaufläche. Der Anteil der ökologischen Landwirtschaft an der bewirtschafteten Gesamtfläche liegt mit 5,6% weit hinter Österreich, der Schweiz, aber auch Estland, Tschechien und Italien. “Der Exportriese Deutschland ist einer der größten Importeure von Biolebensmitteln. Hier liegt ein enormes Wachstumspotential für Betriebe: Sie können mit ökologischem Anbau etwa 28% mehr Gewinn pro Hektar erwirtschaften als mit konventioneller Erzeugung”, so Florian Beil. Dabei gilt es allerdings, die Übergangszeit genau zu planen: Die Biobetriebe müssen sich neue Vermarktungswege für ihre Produkte erschließen. Und erst zwei Jahre nach der Umstellung dürfen sie diese als Ökoware auszeichnen, mit der sich höhere Absatzpreise erzielen lassen. Bis dahin können jedoch staatliche Zuschüsse die Mehrausgaben der Landwirte zum Teil kompensieren.