München, 22.07.2008
Islamic Finance verspricht großes Wachstumspotenzial für deutsche Banken
Marktpotenzial in Deutschland von 1,2 Milliarden Euro jährlich / International Wachstumsraten von 15 – 20% pro Jahr / Mehrheit der deutschen Muslime wünschen sich islamische Bau- und Konsumentenfinanzierung sowie Versicherungen / Bisher nutzen nicht einmal 5% der Muslime in Deutschland islamkonforme Bankprodukte / Deutsche Finanzdienstleister zögerlich
 
Finanzprodukte, die den Vorschriften des Islam entsprechen (Islamic Finance), sind ein äußerst attraktiver Wachstumsmarkt. Die Bilanzsumme islamischer Banken wird Ende 2008 weltweit rund 500 Milliarden US$ erreichen. Mit Wachstumsraten von durchschnittlich 15-20% per annum in den letzten fünf Jahren bilden sie international einen der am schnellsten wachsenden Sektoren der Finanzbranche. Das Marktpotenzial für islamkonforme Bankprodukte in Deutschland beträgt rund 1,2 Milliarden Euro. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung der Strategieberatung Booz & Company. Deutsche Finanzdienstleister haben die Möglichkeiten im deutschsprachigen Raum bislang nur zögerlich aufgegriffen und bieten lediglich wenige spezielle Finanzprodukte, um diesen attraktiven Nischenmarkt zu erschließen.
 
„Wenn bei deutschen Banken die Beratung für Muslime in der Muttersprache des Kunden erfolgt, ist das schon viel. Dabei würden laut unserer Studie alleine in Deutschland mehr als eine halbe Million Menschen Shari´ah-konforme, also den religiösen Vorschriften des Islam entsprechende, Produkte kaufen“, so Dr. Klaus-Peter Gushurst, Seniorpartner und Bankenexperte von Booz & Company. „Wir sehen in diesem Bereich ein enormes Potenzial, das noch weitgehend brachliegt. In anderen Ländern, etwa in Großbritannien, ist der Markt bereits viel weiter entwickelt.“
 
Chancen auch für den deutschsprachigen Raum
 
Diese abwartende Haltung hat unterschiedliche Ursachen. „Bisher konzentrieren sich die deutschen Finanzdienstleister vor allem auf typisch muslimische Märkte wie Indonesien oder Saudi Arabien – mit beachtlichem Erfolg“, erklärt Dr. Philipp Wackerbeck, Islamic Finance Experte bei Booz & Company. Diese Märkte sind schon allein durch den hohen Anteil an Muslimen sehr viel leichter zu erschließen. Doch auch für Deutschland sieht Wackerbeck gute Chancen. „Allerdings muss hierzulande der Markt praktisch von Grund aufgebaut werden. Denn bislang nutzen nur knapp 5% der Muslime diese speziellen Produkte. Einige haben darüber hinaus schlechte Erfahrung mit vermeintlich islamkonformen Investments gemacht.“ Allerdings haben über 60% der in Deutschland befragten Muslime erklärt, dass sie beispielsweise an islamkonformen Baufinanzierungen interessiert sind.
 
Einen weiteren Hinderungsgrund sehen die Experten von Booz & Company in den gesetzlichen Rahmenbedingungen in Deutschland. Durch die Grunderwerbsteuer beispielsweise laufen Muslime in Deutschland Gefahr, bei islamkonformen Baufinanzierungen doppelt Steuern zu bezahlen. Nur wenn diese gesetzlichen Regelungen angepasst sind, können Islamic Finance Produkte mit klassischen konkurrieren. In Ländern wie Großbritannien ist dagegen längst Chancengleichheit hergestellt.
 
Islamic Finance – ein System mit eigenen Regeln
 
Islamic Finance funktioniert nach Regeln, die für Bankmanager aus westlichen Finanzsystemen zunächst nur schwer verständlich sind. Die Haupthürde: Der Islam verbietet Geldzinsen. Damit entfallen Produkte wie Sparkonten und Termingelder ebenso wie zinstragende Kredite. Die Problematik liegt auf der Hand: So darf etwa ein muslimischer Kunde für die Finanzierung eines Hausbaus oder den Kauf einer Eigentumswohnung keinen Kredit aufnehmen. Bei Kapitalanlagen, etwa bei Aktien oder Fonds, ist darüber hinaus das Investieren in Branchen wie Alkohol- und Tabakindustrie aber auch Banken und Versicherungen nicht zulässig. Entsprechen die Finanzprodukte diesen Vorgaben, müssen sie zudem noch von einem Shari´ah Board, einer Art Aufsichtsgremium aus islamischen Geistlichen, zertifiziert werden. Mittlerweile existieren in der Praxis eine Reihe erprobter, islamkonformer Lösungsmodelle, etwa eine Finanzierung über das so genannte „Murabahah-Modell“. Dabei kauft die Bank die gewünschte Immobilie im Auftrag des Kunden und verkauft sie ihm mit einem entsprechenden Aufpreis gegen Ratenzahlung. Auf diese Weise entstehen keine Kreditzinsen.
 
Islamic Finance stellt an Banken und Versicherungen, die dieses Segment erschließen möchten, eine Reihe spezifischer Anforderungen. Sie müssen unter anderem ein Shari´ah Board aufbauen und dies frühzeitig in die Produktentwicklung einbinden. Außerdem ist es notwendig, Vertriebspersonal für die spezifischen Anforderungen des Islamic Finance auszubilden und zu trainieren. Denn: Muslimische Kunden, die islamkonforme Produkte nachfragen, möchten nicht nur finanzielle Eckdaten kennen, sondern den Aufbau eines Produktes transparent nachvollziehen können.
 
Banken, die diese Hausaufgaben erledigen, haben gute Perspektiven. In Großbritannien können Muslime bereits seit einigen Jahren Geldgeschäfte religiös korrekt abwickeln. So bietet die Islamic Bank of Britain seit 2004 eine breite Produktpalette an.  Gegenüber dem Vorjahr konnte sie 2007 ihre Kundenzahl um 40% steigern und verwaltete ein Vermögen von 135 Millionen Pfund (+60% ggü. 2006). Und sie ist längst nicht mehr Monopolist. Alleine vier Neugründungen von vollständig islamischen Banken zeigen, dass das Zeitfenster, an diesem attraktiven Markt teilzuhaben, für zögerliche Banken bald eng werden könnte. Erfahrene Finanzinstitute aus dem arabischen Raum signalisieren bereits Interesse, muslimische Kundenkreise in Europa vor Ort zu erschließen. Der Wettbewerb wird also deutlich zunehmen, sind sich die Experten von Booz & Company sicher.