München, 15.04.2008
Automobilfinanzierung gerät wegen Kreditkrise unter Handlungsdruck

Deutschen Automobilherstellern drohen zusätzliche Kosten von mehr als einer halben Milliarde Euro / Autokäufer haben sich an Niedrigkredite gewöhnt / Konditionen auf den internationalen Finanzplätzen treiben Kosten für Herstellerbanken hoch / Branche sucht nach alternativen Finanzierungsstrukturen

Die Kreditkrise bereitet nicht nur den Finanzinstituten erhebliche Verluste, auch die Automobilbranche ist mittelbar betroffen. Wie eine Untersuchung der Strategieberatung Booz & Company zeigt, drohen den europäischen Automobilherstellern zusätzliche Kosten von bis zu 1500,- Euro pro finanziertem oder geleastem Mittelklassewagen. Für die deutschen Automobilhersteller ergibt sich dadurch allein in 2008 eine indirekte Mehrbelastung von mehr als 500 Mio. Euro. Hintergrund sind die nicht mehr wegzudenkenden Leasing- und Finanzierungsangebote im Autohandel. Dabei versuchen die Hersteller, sich mit niedrigen Leasingraten sowie Null-Prozent-Krediten gegenseitig zu überbieten. Die Herstellerbanken kamen dabei mit einem Volumen von 1,35 Mio. Fahrzeugen auf einen signifikanten Marktanteil von fast 65% aller finanzierten oder geleasten Neuwagen. Insbesondere Leasing konnte im vergangenen Jahr mit einem Zuwachs von über 10% stark zulegen – getrieben durch ein über 25%iges Wachstum bei den Privatkunden.

In der aktuellen Situation der angespannten Darlehenslandschaft ist dieser Trend weg vom Barkauf ein ernst zu nehmendes Problem: Die Zins-Stützen zur Realisierung niedriger Raten machen inzwischen den Löwenanteil der Rabatt-Budgets aus. „Die großen Hersteller haben den Preiskampf in hohem Maße über niedrige Finanzierungskonditionen ausgetragen. Und die Kunden haben sich daran gewöhnt. Dementsprechend schwierig ist es, diese Kreditspirale kurzfristig wieder auf ein Normalmaß zurückzudrehen“, befürchtet Jörg Krings, Geschäftsführer bei Booz & Company. Für die Automobilhersteller ergeben sich zwei Möglichkeiten: Sie geben die höheren Kosten an die Kunden weiter und riskieren dadurch einen Einbruch in den Verkaufszahlen oder sie büßen weiter an Marge ein.

Herstellerbanken stehen vor großen Herausforderungen

Die Problematik trifft vor allem die bisher so erfolgreichen Banken der Automobilhersteller. Bisher galt in der Branche, dass diese maßgeblich zur Absatzförderung, Kundenbindung und Neukundengewinnung sowie zu den Gewinnen (25-100% des Ergebnisses) für die Konzernmutter beitrugen. Die Milliardenverluste auf den internationalen Finanzplätzen haben die Refinanzierungskosten schon jetzt in die Höhe getrieben und günstige Finanzierungsangebote erschwert. Dadurch werden die fast 90 Mrd. Euro Bestandssumme aus Forderungen der Finanzdienstleistungen für die Herstellerbanken zur Belastung.

Haupttreiber sind die gestiegenen Kapitalmarktzinsen und Risikokosten in der Eurozone: Bisher konnten sich die europäischen Herstellerbanken selbst günstig Geld leihen, um damit den Kunden wiederum reizvolle Kredite anzubieten.

Der zweite Grund liegt im generell gestiegenen Risikobewußtsein der Banken. Aufgrund der massenhaften Kreditausfälle ist es für die Herstellerbanken deutlich schwieriger geworden, günstige Kundenkredite durch Finanzgeschäfte mit anderen Banken abzusichern.

Als dritten Grund sehen die Experten das mögliche Austrocknen des Marktes für Asset-backed Securities (ABS). Durch diese gängige Praxis der Weiterreichung von Krediten konnten die Herstellerbanken über Jahre die Refinanzierung extrem kostengünstig gestalten. Doch gerade solche Finanzprodukte sind es, die nun in der Immobilienwelt als Urheber der Krise gebrandmarkt sind. Auto-Kredite könnten die nächsten sein.

Kunden profitieren immer noch von Niedrigzinsen – auf Kosten der Hersteller

Bislang ist der Verteuerungs-Effekt für den Kunden noch nicht sichtbar. Hersteller und Händler werben weiter aggressiv mit Niedrigzinsen. Auch beim Preisnachlass für Barkäufer lässt sich noch keine Veränderung konstatieren – 10% bis 20% Rabatt sind für Kunden hier möglich. 

Die Booz & Company-Analyse sagt eine Verschiebung im Markt voraus. „Vor allem müssen die Hersteller jetzt alternative Finanzierungsstrukturen nutzen, um zusammen mit dem Autohandel die bestehenden Finanzierungswünsche der Kunden weiterhin optimal erfüllen zu können. Gelingt dies, können die hier erfolgreichen Hersteller ihre Marktanteile nachhaltig ausbauen“, ist sich Krings sicher. „Deshalb werden wir in der Automobilfinanzierungsbranche in Zukunft viele alternative und innovative Finanzierungs- und Refinanzierungs­strukturen bei den einzelnen Herstellern sehen“, ergänzt er.

Die Handlungsoptionen sind vielfältig und reichen vom Einstieg externer Kapital­investoren und dem Ausbau des Einlagengeschäftes über Kooperationen mit dritten Banken bis hin zu einer Anpassung und Optimierung der Verkaufsförderungs­maßnahmen.