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Erfolg des mobilen Internets setzt Telekomindustrie unter Druck

Milliardeninvestitionen in Breitbandinfrastruktur bei Umsatzrückgang im Kerngeschäft Sprache / Teilweise Kompensation durch starkes Wachstum der Umsätze mit mobilen Datendiensten auf CHF 1.8 Mrd. in 2015 / Cloud-Boom verschärft Breitband-Nachfrage zusätzlich / Wachstumspotenziale in benachbarten Industrien durch Smart Grids, Elektromobilität, Mobile Payment und eHealth

Schweizer Mobilfunk- und Festnetzbetreiber stehen vor einem Luxusproblem: Durch die rasante Digitalisierung fast aller Lebensbereiche werden sie von der Nachfrage der Verbraucher und Unternehmen nach konstantem und universellem Internetzugang, Anwendungen und Inhalten geradezu überrollt. Die neue “Always On”-Mentalität der Kunden lässt den Internetverkehr und das Datenaufkommen im Mobilfunkbereich bis 2015 um den Faktor 10 bis 15 anwachsen und bringt die Netze an ihre Belastungsgrenze. Der notwendige Aus- und Aufbau geeigneter Infrastruktur (Glasfaser und 4G Mobilfunknetze) erfordert Investitionen in Milliardenhöhe. So haben Orange und Sunrise bis 2015 Investitionen von CHF 0.7 Mrd., respektive CHF 1 Mrd. angekündigt. Die Swisscom rechnet im gleichen Zeitraum mit Investitionen in die Infrastruktur in Höhe von CHF 8 Mrd., wovon mehr als CHF 2 Mrd. auf den Ausbau der Glasfasernetze entfallen. Gleichzeitig haben sich die mobilen Terminierungsgebühren im Vergleich zum Vorjahr halbiert. Insgesamt verlieren die Mobilfunkanbieter in der Schweiz im ehemaligen Kerngeschäft Sprache bis zu CHF 500 Mio. pro Jahr. Auf der anderen Seite führt der enorme Nachfrageschub zu mehr als einer Verdopplung der Umsätze mit mobilen Datendiensten von CHF 0.7 Mrd. in 2010 auf CHF 1.8 Mrd. in 2015. Zudem schaffen der Absatzboom bei Smartphones und Tablet PCs sowie entsprechende Tarife und Anwendungen neue Wachstums- und Ertragspotenziale. Bis Ende 2011 werden die Endgerätehersteller im Schweizer Markt voraussichtlich annähernd 3.7 Mio. Smartphones abgesetzt haben, deren Besitzer sich für CHF 150 Mio. über 30 Mio. kostenpflichtige Anwendungen aus dem App-Store laden. Während der Markt für konventionelle PCs in Westeuropa bis 2014 jährliche Wachstumsraten von 7.8% verzeichnet, wachsen der Smartphone- und der Tablet-PC-Markt im gleichen Zeitraum mit 16.3% bzw. 61.5% pro Jahr deutlich dynamischer.

Das sind die zentralen Ergebnisse für die Schweiz aus der aktuellen Analyse “Zukunft der Telekommunikation” der internationalen Strategieberatung Booz & Company.

Cloud-Computing erfordert Bandbreite und Investitionen
“Die Mobilfunknetze kommen durch das exponentiell wachsende Datenaufkommen bald an die Grenze der Belastbarkeit. Sie müssen unter grossem Investitionsdruck ausgebaut werden, um den weiterhin wachsenden Qualitäts- und Geschwindigkeitsanforderungen Stand zu halten. Gleichzeitig stellt das Wachstum in mobilen Internetdiensten einen wesentlichen Hebel zur Kompensation des Umsatzrückgangs bei den Sprachdiensten dar”, erläutert Alex Koster, Telekommunikationsexperte und Mitglied der Geschäftsleitung bei Booz & Company in Zürich. “Auch im Festnetzbereich sind die gemeinsamen Investitionen mehrerer Marktteilnehmer in regionale Glasfasernetze ein klares Anzeichen für zunehmend niedrige Renditen bei hohen Risiken.”

Darüber hinaus verdeutlicht die Booz-Analyse: Netzwerke, Dienstleistungen und Technologien haben sich in den vergangenen fünf Jahren rasend schnell entwickelt. Die stark gestiegene Zahl von Endgeräten mit Internetzugang, der schnelle Preisverfall bei Innovationen wie den Tablets und die schnelle Penetration von App-Portalen haben den Endkundenmarkt bereits fundamental verändert. “Im weiterhin wachsenden Geschäftskundenmarkt wirkt der parallel steigende Trend zum Cloud-Computing als zusätzlicher Katalysator für die Nachfrage nach Konnektivität und ICT-Infrastruktur”, so Koster. “Telekommunikationsunternehmen sind hervorragend positioniert, um von dem bevorstehenden Nachfrageboom nach virtuellen Servern, Speichern und Anwendungen zu profitieren.” So können Anbieter von Rechenkapazität, Datenspeicher-, Software- und Programmierumgebungen als Service für die Rechnerwolke jährliche Umsatzsteigerungen zwischen 30% und 50% erzielen.

Langfristige Wachstumschancen in benachbarten Industrien
Kaum eine andere Industrie durchläuft derzeit einen so gravierenden Strukturwandel wie die Telekommunikationsindustrie. Telkos konkurrieren dabei mit einer Vielzahl von Internet-Anbietern, High-tech- und IT-Unternehmen, Geräteherstellern, Anwendungs- und Serviceanbietern sowie mit Medienunternehmen. Allerdings erweitern auch die Netzbetreiber ihren Wirkungskreis. So schafft die Digitalisierung in den Bereichen Smart Grids und Smart Metering, Telematik, Heimautomatisierung, Mobile Payment sowie eHealth starke Nachfrage nach ICT-Infrastruktur und damit neue Umsatzpotentiale in benachbarten Industrien. Die konsequente Erschliessung dieser neuen Ertragssäulen ist für die Telekommunikationsindustrie eine sehr sinnvolle Strategie. Allerdings muss die Erwartungshaltung realistisch bleiben: Alle neuen Geschäftsfelder zusammen können den Umsatzverlust im Kerngeschäft kurz- bis mittelfristig nicht kompensieren.

Weitere Ergebnisse der Analyse:

  • Die Nutzung digitaler Medien wächst in der Schweiz jährlich um 7%. Dieses veränderte Verhalten erfordert eine stärkere Präsenz in digitalen Kanälen und forciert den Trend zum digitalen Marketing.
  • Der Video- und TV-Konsum über das Internet steigt in den kommenden Jahren signifikant. HD-fähige IP-TV-Boxen und streaming-taugliche Fernseher verschärfen den Engpass bei der Netzkapazität zusätzlich.