Zürich, 29.04.2010
Private Banking in tiefgreifendem Wandel begriffen

Wachsende Vermögen in Schwellenländern und zunehmende Regulierung verändern das Private Banking / Neue Marktbedingungen stellen Privatbanken vor grosse Herauforderungen / Schweizer Vermögensverwalter trotzen Krise mehrheitlich erfolgreich

Das künftige Wachstum im Private Banking liegt in den neu entstehenden Vermögenszentren in China, Indien oder im Mittleren Osten. In den „alten“ Märkten steigen der regulatorische Druck und die Skepsis der Kunden gegenüber dem traditionellen Geschäftsmodell. Dies stellt die Banken vor grosse Herausforderungen. Sie müssen sich den geänderten Kundenbedürfnissen und den neuen Regeln anpassen. Die Mehrheit der Schweizer Vermögensverwaltungsbanken hat trotz des weltweiten Rückgangs der Erträge um 25% bis 30% die Krise gut überstanden. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Untersuchung der internationalen Strategieberatung Booz & Company.

Künftiges Wachstum liegt in aufstrebenden Märkten
Bis Ende 2011 wird ein Drittel der High-Net-Worth Individuals (private Investoren mit einem Anlagevermögen von mehr als USD 1 Million) im asiatisch-pazifischen Raum leben. Damit werden in dieser Region mehr Millionäre leben als in Nordamerika oder in Europa. Die zunehmende politische Stabilität in diesen Ländern führt auch dazu, dass sich diese Personen weniger veranlasst sehen, ihre Vermögenswerte offshore zu halten.

„Wer im globalen Private Banking erfolgreich sein will, muss sich konsequent auf die Regionen mit rasch wachsenden Vermögen ausrichten“, erklärt Carlos Ammann, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Booz & Company in der Schweiz. „China, Indien und der Mittlere Osten werden sich als neue Vermögenszentren etablieren. Das wird die weltweite Vermögensaufteilung und damit auch das Private Banking nachhaltig verändern.”

Erstaunlich hohe Widerstandskraft der Vermögensverwaltungsindustrie
Die in der Vermögensverwaltung tätigen Banken haben sich im von der Finanzkrise hervor gerufenen „perfekten Sturm“ als widerstandsfähig erwiesen. Trotz dem deutlichen Rückgang der Erträge konnten sie dank der raschen Senkung der Kosten mehrheitlich positive Geschäftsabschlüsse vorlegen. Doch die meisten der befragten Manager sind überzeugt, dass sich das Private Banking in wesentlichen Bereichen unwiderruflich geändert hat und weitere Anpassungen bevorstehen.

Kunden erwarten offene Produktarchitektur
Gemäss der Studie steht das integrierte Modell der Vermögensverwaltung unter scharfer Beobachtung. Das Misstrauen gegenüber Anbietern, welche Beratung und Produkte unter einem Dach vereinen, ist gross. Aus diesem Grund haben einige Institute bereits ihre Einheiten für das Asset Management und für die Kundenberatung getrennt. Es ist zu erwarten, dass weitere Marktteilnehmer diesem Beispiel folgen werden. Das Modell der Zukunft wird die offene Produktarchitektur sein, bei der die Kunden in jeder Anlagekategorie aus den besten Produkten von verschiedenen Herstellern auswählen können.

Offshore-Geschäft muss neu definiert werden
Die Jagd auf undeklarierte Vermögen wird im Offshore-Bereich tätige Banken dazu zwingen, sich neu zu positionieren. Der in vielen Ländern steigende Druck der Steuerbehörden hat dazu geführt, dass private Investoren ihre bisher undeklarierten Vermögen deklarieren oder in ihr Heimatland zurückführen. Auf das Offshore-Geschäft ausgerichtete Privatbanken müssen neue Strategien entwickeln, um in der neuen Welt der deklarierten Gelder erfolgreich zu sein. Wer bisher auf undeklarierte Gelder ausgerichtet war, wird sich sehr bald ohne überlebensfähiges Geschäftsmodell wiederfinden.

Weitere Kostensenkung um 10% bis 15% notwendig
Den Vermögensverwaltungsinstituten ist es gelungen, ihre Kostenbasis in kurzer Zeit deutlich zu senken. Alle Befragten berichteten insbesondere über eine markante Reduktion der variablen Lohnkosten. 85% der Gesprächspartner gaben auch an, die Zahl der Mitarbeiter selektiv reduziert zu haben. Es werden aber weitere Massnahmen notwendig, um dem anhaltenden Druck auf die Margen und den nach wie vor steigenden Kosten für Compliance entgegen zu wirken.

„Wir haben festgestellt, dass gerade auch die Schweizer Banken rasch und flexibel auf die sich verschlechternden Marktbedingungen reagiert haben.“, erklärt Andreas Lenzhofer, Mitglied der Geschäftsleitung von Booz & Company in Zürich. „Die Unternehmen haben sehr entschlossen die Kosten gesenkt, IT-Projekte auf das Wesentliche reduziert, sich aus unprofitablen Märkten zurückgezogen und die Anzahl der Mitarbeitenden angepasst. Die Vermögensverwaltungsinstitute werden aber ihre aktuelle Kostenbasis um weitere 10% bis 15% senken müssen.”

Wachstumschancen intakt – Schweizer Banken gut positioniert
Die langfristigen Aussichten für die Branche werden von den Befragten positiv beurteilt. Die Privatbanken müssen aber ihre Geschäftsmodelle den neuen Realitäten anpassen:

  • Neue Märkte: In den neu entstehenden Vermögenszentren besteht ein grosser Nachholbedarf an professionellen Private-Banking-Dienstleistungen. Die Privatbanken sollten sich deshalb noch rascher und konsequenter auf diese Märkte ausrichten.
  • Regulierung: Steuerlich motivierte Offshore-Angebote gehören der Vergangenheit an. Der Übergang in die neue Welt wird nicht nur für die Banken, sondern auch für die betroffenen Kunden schmerzhaft sein. Banken, die ihren Kunden in diesem Prozess überzeugende Lösungen anbieten, bringen sich für die Zukunft in eine sehr gute Position.
  • Kundenverhalten: Privatbanken müssen ihre Dienstleistungen neu ausrichten, um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. Die Fähigkeiten für „echte“ Beratung, die Selektion von Best-in-class Produkten, Risikomanagement und eine überdurchschnittliche Performance müssen von den Banken weiter gestärkt und gefördert werden.
  • Effizienz: Der anhaltende Druck auf die Margen macht weitere Kostenreduktionen notwendig. Um diese zu erreichen, ist eine radikale Reduktion der Komplexität entlang der gesamten Wertschöpfungskette und eine stärkere Differenzierung der Servicelevels nach Kundensegmenten notwendig.
  • Konsolidierung: Grössenvorteile werden wichtiger und international für einen weiteren Konsolidierungsschub sorgen.

Carlos Ammann zu den Aussichten der Schweizer Banken: „Die Schweizer Banken haben sich in der Krise mehrheitlich als sehr widerstandsfähig erwiesen und verfügen in der Vermögensverwaltung nach wie vor über eine herausragende Stellung. Sie haben frühzeitig und konsequenter als andere das Onshore-Geschäft in den Wachstumsmärkten auf- und ausgebaut und besetzen dort führende Positionen. Gleichzeitig stellen wir auch fest, dass verschiedene Institute den Heimmarkt wiederentdeckt haben und hier ihre Kapazitäten in der Vermögensverwaltung gezielt ausbauen. Ich bin überzeugt, dass die Schweizer Banken allen Unkenrufen zum Trotz gute Voraussetzungen haben, um auch unter den neuen Marktgegebenheiten ihre weltweit führende Position in der Vermögensverwaltung zu behalten.“

Über die Studie
Die Studie von Booz & Company basiert auf quantitativen Marktanalysen der führenden 15 Private–Banking-Zentren weltweit (Brasilien, China, Deutschland, Grossbritannien, Hongkong, Indien, Italien, Japan, Liechtenstein, Niederlande, Österreich, Saudiarabien, Schweiz, Vereinigte Arabische Emirate, USA). Diese Analysen wurden ergänzt durch Interviews mit 140 Führungskräften aus Unternehmen in der Vermögensverwaltung und den Aufsichtsbehörden. Die Prognosen bezüglich der Entwicklung der High-Net-Worth Individuals basieren auf einem Modell aus wirtschaftlichen, demografischen und steuerlichen Faktoren.