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Finanzkrise eröffnet neue Chancen für Versicherer

Krise bietet Lebensversicherungen Chance zur Rückgewinnung von Marktanteilen / Beharren auf alten Geschäftsmodellen gefährdet Existenz / Skaleneffekte durch Zusammenschlüsse im Mittelfeld

Die Anbieter von Lebensversicherungen in der Schweiz haben schwierige Jahre hinter sich, obschon das Prämienvolumen seit 2007 nach einer Trendwende leicht angestiegen ist. Die Verbraucher verstehen die Wichtigkeit der privaten Altersvorsorge, allerdings konnten die Banken mit ihren Fonds- und strukturierten Produkten den Lebensversicherern Kunden abwerben. Wie bei früheren Krisen, werden auch in der aktuellen Finanzkrise kurzfristig überdurchschnittliche Zuflüsse in Richtung sicherer Anlageformen wie der klassischen Lebensversicherung beobachtet.

Aus Sicht einer Untersuchung von Booz & Company zum schweizerischen Versicherungsmarkt wird sich der Trend „weg von der Lebensversicherung, hin zur Vermögensanlage“ jedoch weiter fortsetzen. „Die Kunden sind nicht überzeugt, dass die Lebensversicherungen Anlagestrategien in gleicher Qualität wie die Banken erbringen können. Für die Versicherer verstärkt dies den Druck, die in den letzten Jahren oft diskutierten strukturellen Veränderungen vorzunehmen“, sagt Christian Reber, Mitglied der Geschäftsleitung bei Booz & Company und Leiter der Untersuchung in der Schweiz.

Konsolidierung mittelgrosser Versicherer auf lange Sicht wahrscheinlich
Neben der Schaffung neuer Produkte und Vertriebskanäle müssen die Versicherer auch ihre eigenen Anlagen in den Griff bekommen. Die schweizerischen Aktienmärkte sind 2008 um beinahe 35 % eingebrochen. Auch andere Anlageformen sind betroffen. Diese Entwicklungen führen automatisch zu erheblichen Verlusten auf der Aktivseite. Zusätzlich wird die Schweiz zumindest 2009 von einer Rezession betroffen sein, was üblicherweise zu Rückgängen im Neugeschäft führt. Als erste Reaktion reduzieren die Versicherer weiter Überschussbeteiligungen, erhöhen ihre Rückversicherungsdeckung und optimieren die Kostenbasis.

Dies ist jedoch nur der erste Schritt. „Ohne eine grundlegende Anpassung ihrer Geschäftsmodelle können die Unternehmen sich am Markt langfristig nicht behaupten“, sagt Carlos Ammann, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Booz & Company. Grundsätzlich gilt: „Die Verunsicherung der Konsumenten führt zu einer beschleunigten Veränderung ihrer Bedürfnisse.“

Eine weitere Herausforderung für Versicherungen liegt in der hohen Konzentration des Schweizer Marktes. Grosse internationale Versicherungs¬konzerne sind durch die Finanzkrise geschwächt und daher kaum in der Lage, einen der grösseren Versicherer in der Schweiz zu übernehmen. Auch eine massgebliche Expansion eines ausländischen Versicherers aus eigener Kraft ist im besetzten schweizerischen Markt nur schwer umzusetzen. Bei den mittelgrossen Versicherern sind weitere Zusammen¬schlüsse notwendig, um die erforderlichen Skaleneffekte realisieren zu können.

Chancen durch die Krise: Versicherer können auf Kosten der Banken gewinnen
Die Booz & Company-Untersuchung zeigt, dass die Versicherer die Folgen der Finanzkrise zwar deutlich langsamer als die Banken spüren, ein Verharren in bisherigen Geschäftsmodellen jedoch kaum weniger dramatische Folgen für sie haben wird „Die Finanzkrise hat die Banken sofort unter Druck gesetzt. Lebensversicherer hingegen werden mittel- bis langfristig unter der Finanzkrise leiden, wenn sie nicht jetzt die Chancen zur nachhaltigen Stärkung ihrer Position nutzen“, so Christian Reber, „Wenn die Versicherungen rasch mit geeigneten operativen und strategischen Lösungen auf die aktuellen Herausforderungen reagieren, können sie sogar vom aktuellen Vertrauensverlust und Kapitalabfluss bei den Banken und vom wiedererwachten Interesse der Kunden an Lebensversicherungsprodukten profitieren“, so Reber weiter.

Auf strategischer Ebene müssen Versicherungen Angebote konzipieren, die gezielt auf die Anforderungen spezifischer Kundensegmente eingehen. Die Produkte müssen verständlich, flexibel sowie mit Einlagensicherung und attraktiven Erträgen ausgestaltet werden. Um mehrere Geschäftsmodelle parallel betreiben zu können, ist eine ausgefeilte Kundensegmentierung Voraussetzung. Dazu sind Kriterien wie Vermögensverhältnisse und Lebensphase, aber auch eine verhaltensorientierte Differenzierung der Kunden wichtige Ansatzpunkte. Wie viele Segmente eine Versicherung entwickeln sollte und kann, ist vom Verhältnis zwischen Umsatz und Kosteneffizienz der Leistungserbringung abhängig. Erfahrungen von Booz & Company zeigen, dass selbst grosse Versicherungen neben einem Basissegment meist nur wenige zusätzliche Segmente abdecken können.

Gewinnpotenzial durch persönliche Beratung – Direktkanäle spielen Nebenrolle
Die Finanzkrise eröffnet den Lebensversicherern aktuell die Chance, sich im Segment der gehobenen Privatkunden nachhaltig zu positionieren. Hier könnte auch die persönliche Beratung ersetzen, sofern nicht neue Technologien (Videokonferenz, etc.) eingesetzt werden können.

„Die Basisdaten müssen allerdings ebenfalls stimmen“, sagt Carlos Ammann. „Ohne eine stärkere Disziplin im Kostenmanagement kann es den Versicherern nicht gelingen, ihren Vertrieb ideal zu positionieren. Potenziale sind in Administration und Operations sowie in der Schadenbearbeitung gegeben, wo durch professionelles Case Management massgebliche Einsparungen erzielt werden können. Diese Möglichkeiten müssen auch die Schweizer Versicherer noch konsequenter nutzen.“


Presse- und Medienkontakt

Jan Liepold
LoeschHundLiepold Kommunikation GmbH
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