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Schienengüterverkehr wird zunehmend konkurrenzfähig

Umfrage von Booz & Company unter europäischen Logistik- und Transportmanagern / Hohe Zufriedenheit mit der Transportqualität, aber Kapazitätsengpass befürchtet / Pünktliche Lieferung wichtiger als Preis / Deutlicher Volumen- aber auch Preisanstieg erwartet

Der Schienengüterverkehr hinkt im europäischen Transportmarkt nach wie vor deutlich hinter dem Gütertransport auf der Strasse her, der einen Marktanteil von ca. 80% erreicht. Trotz kontinuierlich steigender LKW-Mautgebühren, aktueller Höchststände bei den Dieselpreisen und Dauerstaus auf verstopften Autobahnen konnte die Schiene noch nicht nennenswert Marktanteile zurück gewinnen. Dabei wird die Qualität des Schienengütertransports von europäischen Logistik- und Transportmanagern insgesamt positiv beurteilt. Das ergab eine aktuelle Umfrage von Booz & Company unter den europaweit wichtigsten Logistikunternehmen. Dort gaben 75% der befragten Logistikmanager an, mit der Qualität des Schienengüterverkehrs zufrieden bzw. sehr zufrieden zu sein. Dabei wickeln die befragten Unternehmen im Schnitt bereits bis zu 48% ihres jährlichen Transportaufkommens über die Schiene ab. Rund die Hälfte der Befragten befürchtet jedoch, dass die aktuell bestehenden Schienentransportkapazitäten nicht für die zukünftig weiter steigende Nachfrage ausreichen werden.

Investitionsbedarf im europäischen Schienennetz

Das eingeschränkte Streckennetz, das es nicht erlaubt, alle Zielorte direkt über die Schiene zu erreichen sowie aktuelle und absehbare Kapazitätsengpässe behindern einen signifikanten Ausbau des Schienengüterverkehrs. In der Schweiz entfallen beispielsweise bereits 64% des alpenquerenden Güterverkehrs auf die Schiene, im europäischen Vergleich ein einmalig hoher Anteil. Jedoch ist im ersten Halbjahr 2008 der alpenquerende Güterverkehr auf der Strasse stärker gewachsen als auf der Schiene. Das Bundesamt für Verkehr führt dies einerseits auf den Ausfall von Zügen der rollenden Landstrasse, andererseits auf den Aufschub der LSVA-Erhöhung zurück.

Die Experten von Booz & Company sehen für die europäischen Bahnunter-nehmen noch erhebliches Wachstumspotenzial. "Der Schienengüterverkehr muss schneller, zuverlässiger und vor allem kostengünstiger werden, um dem Gütertransport auf der Strasse substantielle Marktanteile abnehmen zu können“, so Dieter Schneiderbauer, Partner und Logistikexperte bei der internationalen Strategieberatung Booz & Company. „Ein steigendes Kosten- und Umweltbewusstsein bietet dabei eine optimale Grundlage für Transportverlagerungen von der Strasse auf die Schiene.“

Pünktliche Lieferung wichtiger als Preis

Nach den wichtigsten Kriterien bei der Auswahl des Schienenfrachtanbieters befragt, gaben 58% der Entscheider die Einhaltung von Lieferterminen an. Damit ist dieses Auswahlkriterium noch wichtiger als ein wettbewerbsfähiger Preis, den 55% als entscheidend deklarieren. Mit 44% bzw. 42% werden weiterhin die Transportzeit und die Netzabdeckung der Anbieter als wichtige Argumente angeführt. Immerhin 37% wählen ihre Logistikpartner nach der Qualität der Auftragsabwicklung und der Flexibilität der verfügbaren Kapazitäten aus. Allerdings sehen die Auftraggeber auch genau in diesen genannten Bereichen die Hauptdefizite beim europäischen Schienengüterverkehr. Die fehlende Pünktlichkeit empfinden 38% der Befragten als ein Hauptproblem, die mangelnde Qualität der Auftragsabwicklung und die zu geringe Verfügbarkeit von Güterwagen ist für 35% bzw. 28% ein echter Nachteil gegenüber dem Strassen¬transport. „Unsere Umfrage hat ergeben, dass die Kunden zukünftig Kapazitätsengpässe auf den internationalen Schienenverbindungen als ernst zu nehmendes Hindernis für den  weiteren Ausbau des Schienentransports sehen“, erklärt Schneiderbauer. So befürchten 52% erhebliche Behinderungen und Engpässe auf den Nord-Süd Korridoren, beispielsweise von Rotterdam nach Mailand oder von Kopenhagen nach Verona, aber auch verstärkt auf wichtigen Ost-West Verbindungen.

Nachfrage- und Preisanstieg erwartet

Diese Engpässe sind umso kritischer zu beurteilen, da 40% der Entscheider angeben, in den nächsten 12 Monaten bis zu 10% mehr Transporte auf die Schiene verlagern zu wollen. Gleichzeitig erwartet jeder vierte Kunde einen Anstieg der Frachtraten um bis zu 10%. Im Vergleich zum Wettbewerb auf der Strasse scheint der Schienengüterverkehr in der Kundenwahrnehmung von den explodierenden Energie- und Treibstoffkosten weniger stark betroffen zu sein. Vor diesem Hintergrund ist es wahrscheinlich, dass die Schiene auch weiterhin ein starkes Wachstum und einen moderaten Anstieg des Marktanteils verzeichnen wird. Strategische Zielsetzung muss sein, sich bei ansteigendem Welthandelsvolumen und immer längeren und komplexeren Lieferketten nachhaltig als effiziente, umweltfreundliche und kostengünstige Alternative zum Strassentransport zu etablieren. Die Unternehmen im Schienengüterverkehr müssen hierfür dringend den konsequenten Ausbau des Schienennetzes und die Optimierung des Kapazitäts- und Auftragsmanagements vorantreiben.