Zürich/ Düsseldorf, 06.02.2008
Harter Verteilungskampf um Umsätze im mobilen Internet

Akzeptanz mobiler Dienste steigt exponentiell/ Dank hoher Bandbreiten Durchbruch zum Massenmarkt noch vor 2010/ Kampf um Inhalte dominiert / Aufbau von Innovationskompetenz entscheidend für Netzbetreiber/ Notwendigkeit, offene Systeme aktiv mitzuentwickeln / Innovations-orientiertes Modell würde Netzbetreibern Umsatz von etwa 480 Mrd. USD ermöglichen

Die europäischen Mobilfunkanbieter erwirtschafteten im Jahr 2007 immer noch 82% ihrer Umsätze mit traditionellen Sprachdiensten. Mobile Datendienste machten demnach inklusive SMS-Versand und E-Mail-Pushservices gerade einmal 18% der Umsätze aus. Dieses Umsatzverhältnis wird sich in den kommenden Jahren allerdings deutlich zugunsten von mobilen Datendiensten verschieben. Das mobile Internet wird nun endlich – wie bereits vor Jahren angekündigt - Realität! Dies ist eines der Kernergebnisse einer Untersuchung der internationalen Strategie- und Technologieberatung Booz & Company. Diese wurde heute im Vorfeld des Mobile World Congress in Barcelona veröffentlicht. Danach müssen europäische Mobilfunk-Netzbetreiber ihre Geschäftsmodelle kurzfristig und konsequent auf den Prüfstand stellen. Sonst droht ihnen das Nachsehen im Markt für mobile Internetangebote gegenüber Endgeräte-Herstellern, Inhalteanbietern oder Internet-Portalen. Der Erfolg und das Umsatzbeteiligungsmodell des iPhones, die ambitionierte Android-Plattform von Google, das Multimediaportal OVI von Nokia und nicht zuletzt die geplante Übernahme von Yahoo durch Microsoft bedeuten für traditionelle Mobilfunkanbieter eine ernste Herausforderung für ihr Kerngeschäft. „Grosse und mächtige Internet-, IT-und Endgeräte-Anbieter bringen sich strategisch in Stellung. Sie wollen sich ein grosses Stück aus dem Umsatzkuchen des mobilen Internets herausschneiden.“, so Dr. Roman Friedrich, Geschäftsführer und Telekommunikationsexperte bei Booz & Company. „Traditionelle Mobilfunkanbieter stehen vor der Entscheidung, ob sie den neuen Wettbewerbern im Kampf um diesen Zukunftsmarkt mit einer Konfrontations- oder einer Kooperationsstrategie begegnen wollen.“

Exponentielles Wachstums bei mobilen Datendiensten

Ein weiteres zentrales Ergebnis der Booz & Company-Untersuchung: In einem Mobilfunkmarkt, der im Sprachbereich zunehmend von Discount- und Flatrate-Tarifen dominiert werden wird, liegt das künftige Wachstumspotenzial für die Netzbetreiber bei den Datendiensten. Die technischen Voraussetzungen dafür sind durchaus gegeben. Bereits 77% aller europäischen Handybesitzer verfügen schon heute über die geeignete technologische Infrastruktur, um von mobilen Internetdienste zu profitieren. Tatsächlich aber machen nur ein knappes Drittel (31%) davon Gebrauch. Innerhalb dieser Gruppe steigt die Nutzungsdauer der mobilen Angebote allerdings rapide. Allein in der Startphase zwischen 2001 und 2006 haben Verbraucher ihre “mobile“ Zeit im Internet durchschnittlich um den Faktor Zehn gesteigert. „Provider müssen ihre Mobilfunkkunden mit speziellen Angeboten an das mobile Internet heranführen. Unsere Analyse verdeutlicht: Sind die Eintrittsbarrieren erst einmal überwunden, steigt die Nutzung.“, so Friedrich. Bis 2011 prognostiziert der Strategieberater einen weiteren Anstieg der durchschnittlichen mobilen Zeit im Internet um 220%. Anders als im Festnetz sind dabei die Rollen der Anbieter noch nicht fest verteilt. Somit könnten sich Netzbetreiber neben ihrem traditionellen Geschäftsfeld – der Bereitstellung von Übertragungskapazitäten –, neue Teile der Wertschöpfungskette als Wachstumsfelder erschliessen. Die rasante Entwicklung bei den Handys lässt dabei erste Möglichkeiten erkennen. „Das Nutzungsverhalten der iPhone-Kunden in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien zeigt bereits heute die Attraktivität des mobilen Internets“, so Alex Koster, Mitglied der Geschäftsleitung und Telekommunikationsexperte bei Booz & Company in der Schweiz. „Mit der erwarteten baldigen Einführung des iPhone in der Schweiz wird sich diese Tendenz auch hier bestätigen. Wir gehen davon aus, dass in den kommenden 3 Jahren die mobilen Daten- und Werbeumsätze aus Web 2.0-Plattformen und sozialen Netzen wie StudiVZ, Facebook und Xing, aus Newsdiensten, mobilem Fernsehen und eCommerce-Angeboten diejenigen aus dem klassischen SMS- und mobilen Email-Bereich überflügeln.“  Daher ist es für Mobilfunkanbieter erfolgskritisch, möglichst attraktive Inhalte über Kooperationspartner und offene Schnittstellen in ihre bisher mobilen Vermarktungsplattformen einzubinden. „Es bleibt aber spannend, wie die Einnahmen aus Werbe- und Datenumsätzen zwischen Mobilfunk-, Endgeräte- und Internetunternehmen aufgeteilt werden. Mobilfunkanbieter können im Wettbewerb mit diesen oft globalen Wettbewerbern (Google, Microsoft, Apple) nur bestehen, wenn sie für das mobile Internet offene und innovative Partnerschaftsmodelle eingehen“, so Koster weiter. Sollte ihnen das nicht gelingen, droht die sogenannte „Bit Pipe“. In diesem Szenario könnten die Mobilfunknetzbetreiber weltweit nur ca. 274 Mrd. USD erlösen. Ein Innovations-orientiertes Modell würde den Netzbetreibern dagegen einen Umsatz von etwa 480 Mrd. USD ermöglichen. Koster: „Im Festnetz ist die Bit Pipe bereits weitestgehend Realität mit starkem Wettbewerb bei Breitbandanschlüssen. Der auch in der Schweiz beobachtete Trend zur Konvergenz zwischen Mobilfunk und Festnetz bringt deswegen zusätzliche Komplexität in die Wettbewerbslandschaft.“

Zumal die technische Entwicklung die mobile Datennutzung für Konsumenten künftig noch attraktiver macht. Bereits heute erweitert der mobile Übertragungsstandard High Speed Packet Access (HSPA) auf UMTS-Basis Übertragungsgeschwindigkeiten sprunghaft auf mehrere Megabit/sec.. Entsprechend leistungsfähige, mobile Endgeräte stehen ebenfalls zur Verfügung und öffnen damit endgültig die Tür zum Massenmarkt.


Erfolgsfaktoren: Servicewelten und offene Schnittstellen

Mobilfunkexperte Friedrich: „In der mobilen Zukunft sind solche Angebote und Anbieter erfolgreich, die unverwechselbare Servicewelten aufbauen und Kunden so mobilen Mehrwert stiften.“ Beim Aufbau solcher Servicewelten müssen Telekommunikationsanbieter sehr genau prüfen, welche Innovationen sie selbständig, welche in Joint Ventures und welche in funktionalen Partnerschaften realisieren. Für die verschiedenen Optionen zeigt die Booz & Company-Untersuchung klar definierte Charakteristika und Erfolgsfaktoren auf:

Inhouse-Entwicklung: Fokussieren auf wenige vielversprechende Projekte mit geprüftem grossem Marktpotenzial. Der Netzbetreiber bildet den gesamten Innovations- und Entwicklungsprozess intern ab und bindet Zulieferer nur für ausgewählte Komponenten ein.

Joint Venture: Partner entwickeln das Geschäftsmodell: Der Betreiber konzentriert sich auf Steuerungsfunktionen und stellt Kapital bereit. Joint Ventures müssen klar positioniert sein. Gewinn- und Verlustkontrolle sind essentiell.

Partnerschaften: Beide Seiten entwickeln zentrale Service Elemente für alle beteiligten Partner. Monitoring und Budgetierung erfolgen gemeinsam. Im Prozess müssen zu erreichende Kennzahlen und Exit Points definiert werden.

Mittels sorgfältig geplanter und strukturierter Partnerschaftsmodelle haben Netzbetreiber die Chance, einen signifikanten Teil des Marktes und der Wertschöpfung durch mobile Datendienste für sich zu sichern.


Presse- und Medienkontakt

Jan Liepold
LoeschHundLiepold Kommunikation GmbH
Kontakt >