Wien, 27.10.2014
Comprehensive Balance Sheet Assessment der Europäischen Zentralbank (EZB) identifiziert Kapitalbedarf von 9,5 Mrd. Euro für die 130 teilnehmenden Banken

25 Banken fallen durch den Test durch, Druck auf viele Geschäftsmodelle bleibt bestehen

Die lang erwarteten Ergebnisse des Comprehensive Assessments der Europäischen Zentralbank (EZB) für die 130 systemrelevanten Banken wurden gestern veröffentlicht. Die Banken wurden einem Asset Quality Review (AQR) und zusammen mit 20 weiteren Banken aus Nicht-Euro-Staaten einem Stresstest in Zusammenarbeit mit der European Banking Authority (EBA) unterzogen.

13 Banken haben den Test nicht bestanden, 12 weitere sind nur deswegen nicht durchgefallen, weil sie in den ersten neun Monaten in 2014 entsprechende Kapitalmaßnahmen durchgeführt haben. Die EZB hat bei diesen Banken ein Kapitaldefizit von 25 Mrd. Euro identifiziert, 9,5 Mrd. Euro werden noch benötigt, um das Defizit abzubauen. Unter Berücksichtigung der bereits kommunizierten Kapitalmaßnahmen von zwei griechischen Banken sinkt das Kapitaldefizit auf ca. 7 Mrd. Euro.

Österreichs Banken leicht unter europäischem Durchschnitt
In Österreich haben fünf von sechs geprüften Bankengruppen den Test der EZB bestanden, der errechnete Kapitalbedarf beträgt 865 Mio. Euro. Die österreichischen Banken weisen insgesamt einen Kapitaleffekt im adversen Stressszenario von 10,9 Mrd. Euro auf, was einem relativen Effekt von 35% auf den Ausgangswert entspricht und damit leicht schlechter als der europäische Durchschnitt ist. Insgesamt 2,3 Mrd. Euro resultieren aus dem AQR, 8,9 Mrd. Euro aus dem Stresstest. Im europäischen Vergleich schneidet Österreich beim AQR-Ergebnis damit relativ schlecht ab. Nur Griechenland, Zypern und Slowenien weisen einen höheren relativen Kapitaleffekt verglichen mit dem Ausgangswert auf.

Kapitaleffekt: Spanien, Frankreich, baltische Staaten und Slowakei schneiden am besten ab
Insgesamt hat die EZB einen Kapitaleffekt von 263 Mrd. Euro für alle Banken im adversen Stressszenario ermittelt. Davon entfallen 34 Mrd. Euro auf den AQR und 182 Mrd. Euro auf den Stresstest. Weitere 47 Mrd. Euro resultieren aus der Erhöhung der risikogewichteten Aktiva im adversen Stressszenario. Die Kapitalquote (Common Equity Tier-1 = CET1) sinkt im Durchschnitt aller getesteten Banken von 11,8% auf 8,4%. Bei einer Betrachtung auf Länderebene lassen sich drei Gruppen von Ländern auf Basis der relativen Auswirkung auf die Kapitalquoten unterscheiden:

  • Länder mit hohem relativem Kapitaleffekt von durchschnittlich über 40% der Ausgangskapitalbasis: Italien, Griechenland, Slowenien, Portugal, Belgien, Irland und Zypern. Es scheint, dass tendenziell Banken in den Ländern, die am stärksten von der Finanzkrise betroffen sind, auch den höchsten relativen Kapitalbedarf haben.
  • Länder mit geringem relativen Kapitaleffekt von durchschnittlich bis zu 25%: Spanien, Frankreich, die baltischen Staaten und die Slowakei. Gründe für das bessere Abschneiden dieser Länder könnte in einem stärker quantitativ, datengetriebenen Ansatz für die Bankenaufsicht bzw. stärkeren wirtschaftlichen Rahmendaten wie in den baltischen Staaten liegen.
  • Banken aus den anderen Ländern wie Deutschland, Niederlande, Österreich, Finnland und Luxemburg zeigen einen durchschnittlichen relativen Kapitaleffekt von 25-40% auf.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse deutlich, dass Banken in Ländern, die tendenziell einen stärker datengetriebenen Ansatz in der Bankenaufsicht verfolgen, auch im Comprehensive Assessment bessere Ergebnisse erzielt haben. So zeigen auf Basis eines von Strategy& (ehemals Booz & Company) entwickelten Index für das Ausmaß von datengetriebener Bankenaufsicht zwei Länder die höchsten Werte: Spanien und Frankreich. Am unteren Ende der Skala finden sich hingegen Länder wie Griechenland, Slowenien und Zypern.

Wirkung von Staatshilfe auf einzelne Banken uneinheitlich
Sehr unterschiedliche Ergebnisse zeigt eine Auswertung der Banken in Abhängigkeit davon, ob sie in den letzten Jahren Staatshilfe in Anspruch genommen haben. Während immerhin 62 der insgesamt 130 Banken, die Staatshilfe beansprucht haben, einen höheren durchschnittlichen Kapitaleffekt haben, weisen insbesondere die 28 Banken, die sich derzeit noch in der Umsetzung eines Restrukturierungsplans befinden, einen deutlich höheren Kapitaleffekt von 43% auf als der Durchschnitt über alle Banken von 30%.

Ziele des Comprehensive Assessments erreicht – aber nur indirekt
„Die mit der Durchführung des Comprehensive Assessments angestrebten Ziele wurden im Wesentlichen erreicht, wenn auch teilweise nur indirekt“, resümiert Dr. Philipp Wackerbeck, Partner und Finanzexperte bei Strategy&. Insbesondere durch den AQR wurde die Transparenz über die ab dem 4. November 2014 unter der einheitlichen europäischen Bankenaufsicht (SSM = Single Supervisory Mechanism) der Europäischen Zentralbank stehenden Banken erhöht. Die gewünschte Verbesserung der Kapitalquoten der Banken („Repair banks through increasing capital“) wurde weniger durch die Ergebnisse des Tests erreicht – von den 25 durchgefallenen Banken müssen lediglich 13 binnen zwei Wochen Kapitalpläne vorlegen, wie sie die Kapitallücke von 9,5 Mrd. Euro innerhalb von sechs bzw. neun Monaten schließen wollen. Abzüglich der beiden griechischen Banken, die bereits entsprechende Maßnahmen vereinbart haben, bleibt für 11 Banken ein Kapitalbedarf von 7 Mrd. Euro. Stattdessen haben Banken bereits proaktiv und vor Bekanntgabe der Resultate ihr Kapital in den ersten neun Monaten um 40 Mrd. Euro erhöht. Ob das dritte Ziel, die Wiederherstellung des Vertrauens der Investoren in den Bankensektor in der Eurozone erreicht wurde, wird von der Interpretation der Markteilnehmer in den nächsten Tagen abhängen.

Nachhaltige Wirkung insbesondere des AQR
Während der Stresstest einen höheren Effekt auf die Kapitalquote hat, wird er eher kurzfristig von Bedeutung sein – insbesondere für den Großteil der Banken, die den Test bestanden haben. Im Gegensatz dazu wird der AQR eine nachhaltigere Wirkung haben, auch wenn der Einfluss auf die Kapitalquoten geringer ist als beim Stresstest. So hat die Durchführung des AQRs mit der Untersuchung mehrerer 10.000 Kreditakten, der Neubewertung von Kreditsicherheiten und Analyse der Klassifizierung von Problemkrediten deutlich gemacht, dass teilweise große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern und ihren jeweiligen Bankaufsichtsregimen bestehen. Die Übernahme der einheitlichen Bankenaufsicht durch die EZB für die systemrelevanten Banken wird mittelfristig zu einer Harmonisierung insbesondere in der Klassifizierung von Problemkrediten in der Eurozone führen und damit die Analyse von Bankbilanzen vergleichbarer machen.


Das Comprehensive Assessment unterliegt aber auch klaren Limitationen. Der Fokus von AQR und Stresstest liegt auf der Untersuchung einer adäquaten Kapitalausstattung der teilnehmenden Banken auf Basis einer detaillierten Analyse der Asset Quality und in Stressszenarien für die gesamte Bilanz. Hingegen erlaubt das Ergebnis keine Beurteilung der Solidität der zugrunde liegenden Geschäftsmodelle einzelner Banken. „Banken, die bereits vor dem Comprehensive Assessment kein überzeugendes Geschäftsmodell mit nachhaltiger Profitabilität aufweisen konnten, werden auch weiterhin unter Druck stehen, ihr Geschäftsmodell zu überarbeiten. Das gilt insbesondere auch für diejenigen Banken, die den Test entgegen den verbreiteten Markterwartung bestanden haben“, so Wackerbeck.


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Susanne Hudelist
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