Wien, 14.07.2011
4 von 10 Austromanagern fürchten EU-Flächenbrand durch Schuldenkrise

Booz & Company-Studie zeigt Skepsis der Top-Manager gegenüber EU-Erweiterung

Aktuelle Schuldenkrise ändert jedoch nichts an positiver Langfristprognose für europäischen Integrationsprozess / Konzernführer fordern von der EU straffere und diszipliniertere Geld-, Budget- und Industriepolitik / Ohne staatliche Wachstumsimpulse kein Turnaround / Protektionismus als Reaktion auf die Eurokrise führt in wirtschaftspolitische Sackgasse

Aufgrund von Schuldenkrise und Euroschwäche sieht aktuell nur noch knapp jeder zweite europäische Topmanager (46%) die EU in einer grundsätzlich starken wirtschafts- und machtpolitischen Position. In Österreich sehen das sogar nur 44% der befragten Konzernlenker so. Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in Griechenland, Italien, Irland oder Portugal sind im europäischen Durchschnitt fast zwei Drittel (65%) der Befragten in Sorge über die politische und wirtschaftliche Situation in Europa. Vier von zehn österreichischen Wirtschaftslenkern (43%) schätzen die Haushaltsschieflage in einigen Mitgliedsstaaten als kritisch oder gar alarmierend ein und fürchten ein Übergreifen der Schuldenkrise auf die Realwirtschaft. Die langfristigen Zukunftsprognosen fallen dagegen in den meisten Führungsetagen positiv aus: Im europäischen Durchschnitt glauben 61% - in Österreich allerdings nur 55% der Befragten -, dass die EU auch im Jahr 2030 immer noch eine wichtige Position im globalen Machtgefüge einnimmt. Mehr als die Hälfte (54%) der europäischen und sogar 64% der österreichischen Unternehmensführer steht einer Erweiterung der EU um die Türkei skeptisch gegenüber und erachtet die Aufnahme neuer Mitgliedsstaaten nicht als das geeignete Mittel, um neue Wachstumsimpulse für den Wirtschaftsraum zu bringen.

Das sind die zentralen Ergebnisse der Studie “Revitalising the European Dream“. Für diese hat die internationale Strategieberatung Booz & Company zusammen mit der Business School INSEAD mehr als 2.000 Top-Manager der führenden europäischen Unternehmen – darunter 300 im deutschsprachigen Raum und rd. 40 Topmanager in Österreich – befragt.

Niedrigere Verschuldungsgrenzen gefordert
„Europas Unternehmenslenker sehen die EU ganz klar am Scheideweg. Die Wirtschaftselite blickt jedoch strategisch über den Tellerrand des aktuellen, fundamentalen Wandels hinaus und erkennt in der längerfristigen Perspektive sehr wohl Chancen und Wachstumspotenzial für das eigene Unternehmen“, meint Klaus Hölbling, Partner und Geschäftsführer von Booz & Company in Österreich. Fast einhellig fordern die Top-Entscheider der Konzerne allerdings von den EU-Politikern eine wesentlich straffere Geld-, Budget- und Industriepolitik. Top-Manager erwarten eine harte sowie deutlich konsistentere Politik statt des anlassbezogenen Aktionismus der letzten Monate. Insbesondere wird die Verwässerung der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) mit Besorgnis gesehen.

Die wirtschaftliche Erholung der Eurozone hänge maßgeblich davon ab, die richtige Balance zwischen Wachstumsimpulsen und Budgetkontrolle zu finden und gleichzeitig die dringend notwendigen Investitionen in Bildung und F&E nicht zu vernachlässigen. Eine breite Mehrheit (85%) in den europäischen Führungsetagen glaubt, dass die EU bei ihren Mitgliedsstaaten niedrigere sowie nachhaltige Verschuldungsgrenzen einziehen sollte. Nur so könne Europa langfristig auf den Wachstumspfad zurückkehren und sich im globalen Wettbewerb gegenüber aufstrebenden Wirtschaftsmächten wie China und Indien behaupten.

Unterschiedliche Sichtweise auf Budgetdisziplin
Die Booz & Company-Studie belegt außerdem: Die Unternehmenslenker erachten weiterhin die europäische Integration als einziges Mittel, um sich als Wirtschaftsraum im globalen Kontext erfolgreich zu positionieren. „Topmanager sind sehr wohl bereit, sich konstruktiv an Veränderungsprozessen zu beteiligen. Voraussetzung ist, dass die Verantwortlichen der EU zeitnah eine nachhaltige Strategie auf Schiene bringen“, so Hölbling. Allerdings divergiert diese Sichtweise auf die richtigen Maßnahmen sehr stark – je nachdem aus welchem Mitgliedsland die Unternehmensführer kommen. Diejenigen aus Staaten mit einem niedrigen Verschuldungsgrad wie Deutschland, Dänemark oder Schweden halten Budgetdisziplin für deutlich wichtiger als diejenigen aus stärker verschuldeten Mitgliedstaaten wie Belgien, Griechenland oder Italien.

Klare Absage an Protektionismus
Auch die Frage nach den richtigen Impulsen für den Außenhandel führte zu interessanten Ergebnissen: Lediglich einer von zehn Befragten favorisierte protektionistische Maßnahmen gegenüber dem freien Handel mit Nicht-EU-Staaten. „Oberstes Ziel muss sein, dass Europa im globalen Wettbewerb langfristig bestehen kann. Die Europapolitik muss in die Pflicht genommen werden – Konstanz und Fortschritt bei der politischen und wirtschaftlichen Integration sind conditio sine qua non für die europäische Zukunft. Schutzzölle oder gar eine Abschottung des europäischen Marktes, zum Beispiel zur Verhinderung von Übernahmen durch Unternehmen aus Nicht-EU-Staaten, wären ein fundamentales Eigentor“, schließt Hölbling.

Die komplette Studie steht hier zum Download bereit.


Presse- und Medienkontakt

Susanne Hudelist
ikp Wien GmbH
Tel. +43/1/524 7790 19
Kontakt >