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Booz & Company: Erfolg des mobilen Internets setzt Telekomindustrie unter Druck

Milliardeninvestitionen in Breitbandinfrastruktur bei Umsatzrückgang im “Kerngeschäft Sprache” / Teilweise Kompensation durch Anstieg der Umsätze mit mobilen Datendiensten auf 1,7 Mrd. Euro in 2015 / Cloud-Boom verschärft Breitband-Nachfrage zusätzlich / Wachstumspotenziale in benachbarten Industrien durch Smart Grids, Elektromobilität, Mobile Payment und eHealth / Regulatorische Entscheidungen und Marktumfeld erschweren Investments in Netzausbau

Mobilfunk- und Festnetzbetreiber im deutschsprachigen Raum haben eigentlich ein Luxusproblem: Durch die rasante Digitalisierung fast aller Lebensbereiche werden sie von der Nachfrage der Verbraucher und Unternehmen nach konstantem und universellem Internetzugang, Anwendungen und Inhalten geradezu überrollt. Die neue „Always On“-Mentalität der Kunden lässt den Internetverkehr und das Datenaufkommen im Festnetz- und Mobilfunkbereich bis 2015 mindestens um mehr als den Faktor 2 anwachsen und lastet die Netze voll aus. Alleine im vergangenen Jahr sind die Mobilfunkminuten in den europäischen Netzen um rund 6% gewachsen. Der notwendige Aus- und Aufbau geeigneter Festnetz- und Mobilfunk-Infrastruktur wird in Österreich in den nächsten Jahren Investitionen in Milliardenhöhe erfordern, in Deutschland werden bis 2015 rund 38 Mrd. Euro benötigt. Gleichzeitig verursachen sinkende Preise und vor allem der starke Regulierungsdruck bei den Netzbetreibern spürbare Ertragsrückgänge im Kerngeschäft. Es ist unter anderem die Senkung der mobilen Terminierungsentgelte in den vergangenen zwei Jahren um 45%, die den Netzbetreibern zu schaffen macht. 2011 steht eine weitere Absenkung um 20% an. Insgesamt verlieren die Mobilfunkanbieter im ehemaligen „Kerngeschäft Sprache“ in Österreich pro Jahr Umsätze von 70-80 Mio. Euro, für Deutschland ist in diesem Bereich binnen fünf Jahren mit jährlichen Umsatzrückgängen von 3 Mrd. Euro zu rechnen.

Der positive Effekt: Der enorme Nachfrageschub führt in Österreich zu einem Anstieg der Umsätze mit mobilen Datendiensten um 35% von 1,2 Euro in 2010 auf 1,7 Mrd. Euro in 2015. Zudem schaffen der Absatzboom bei Smartphones und Tablet PCs sowie entsprechende Tarife und Anwendungen neue Wachstums- und Ertragspotenziale. 2010 war bereits jedes vierte verkaufte Handy ein Smartphone. 85% der Smartphone Besitzer sind zudem regelmäßige Nutzer von Anwendungen aus den App Stores. Während der Markt für konventionelle PCs in Westeuropa bis 2014 jährliche Wachstumsraten von 7,8% verzeichnet, wachsen der Smartphone- und der Tablet-PC-Markt im gleichen Zeitraum mit 16,3% bzw. 61,5% pro Jahr deutlich dynamischer.

Das sind die zentralen Ergebnisse der aktuellen Analyse “Zukunft der Telekommunikation”. Diese stellte die internationale Strategieberatung Booz & Company im Vorfeld des GSMA Mobile World Congress 2011 vor.

Cloud-Computing erfordert Bandbreite und Investitionen
“Die Netze kommen aktuell durch das exponenziell wachsende Datenaufkommen an die Grenze der Belastbarkeit. Daraus ergibt sich für die Telekommunikationsnetzbetreiber ein gewaltiger Investitionsdruck für LTE- und Glasfaserinfrastruktur, um die Datenvolumina ohne Engpass und mit immer zunehmender Geschwindigkeit bewältigen zu können”, so Roman Friedrich, Partner und Telekommunikationsexperte bei Booz & Company. “Der Ausbau der Netze mit Glasfasertechnologie in Österreich wird in den nächsten Jahren mehrere Milliarden erfordern, in Deutschland rechnet man bereits mit 34 Mrd. Euro in den nächsten 5 Jahren. Das entspricht dem gesamten Telekommunikationsumsatz mit klassischen TK-Diensten im Jahr 2015”, so Klaus Hölbling, Partner und Geschäftsführer bei Booz & Company in Wien.

Darüber hinaus verdeutlicht die Booz-Analyse: Netzwerke, Dienstleistungen und Technologien haben sich in den vergangenen fünf Jahren rasend schnell weiterentwickelt. “Die Modularität der Technologie ist ein wesentlicher Trend in der gesamten europäischen Telekommunikations-industrie. Wir registrieren eine Entwicklung weg von der vertikalen Integration hin zu modularen, offenen Systemen. Der Siegeszug des Cloud-Computing und die Digitalisierung weiterer Industriezweige wirken als zusätzlicher Katalysator für die Nachfrage nach Konnektivität und ICT-Infrastruktur”, so Friedrich. “Telcos sind hervorragend positioniert, um von dem bevorstehenden Nachfrageboom nach virtuellen Servern, Speichern und Anwendungen sowie der dafür notwendigen Infrastruktur zu profitieren.” So können Anbieter von Rechenkapazität, Datenspeicher-, Software- und Programmierumgebungen als Service für die Rechnerwolke jährliche Umsatzsteigerungen zwischen 34% und 55,5% erzielen.

Langfristige Wachstumschancen in benachbarten Industrien
Kaum eine andere Industrie durchläuft derzeit einen so gravierenden Strukturwandel wie die Telekommunikationsindustrie. Telcos konkurrieren dabei mit einer Vielzahl von Internet-Anbietern, High-tech- und IT-Unternehmen, Geräteherstellern, Anwendungs- und Serviceanbietern sowie mit Medienunternehmen. Allerdings erweitern auch die Netzbetreiber ihren Wirkungskreis. So schafft die Digitalisierung in den Bereichen Smart Grids und Smart Metering, Telematik, Heimautomatisierung, Mobile Payment sowie eHealth starke Nachfrage nach ICT-Infrastruktur und damit neue Umsatzpotenziale in benachbarten Industrien. “Die konsequente Erschließung dieser neuen Ertragssäulen ist für die Telekommunikationsindustrie eine sehr sinnvolle Strategie. Allerdings muss die Erwartungshaltung realistisch bleiben: Alle neuen Geschäftsfelder zusammen können den Umsatzverlust im Kerngeschäft kurzfristig nicht kompensieren”, resümiert Hölbling.

 Weitere Ergebnisse der Analyse:

  • Die Nutzung digitaler Medien wächst in Österreich und Deutschland kontinuierlich. Dieses veränderte Verhalten erfordert eine stärkere Präsenz in digitalen Kanälen und forciert den Trend zum digitalen Marketing.
  • Der Video- und TV-Konsum über das Internet steigt in den kommenden Jahren signifikant; HD-fähige IP-TV-Boxen und streaming-taugliche Fernseher verschärfen den Engpass bei der Netzkapazität zusätzlich.


Presse- und Medienkontakt

Susanne Hudelist
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