,
Österreichs Private Banker vor dramatischen Veränderungen

Der österreichische Private Banking Markt schrumpfte 2008 um EUR 21 Mrd.(-18%). In Deutschland waren Einbußen von 27% zu beobachten, in der Schweiz verlor der Markt 25%. Während klassische Privatbanken Marktanteile abgeben mussten, konnte der Sektor Sparkassen / Genossenschaftsbanken seinen Marktanteil ausbauen. Insgesamt kam das Geschäftsmodell stark unter Druck, und die deutlich verschlechterte Profitabilität erfordert dramatische Anpassungen. Die Lockerung des Bankgeheimnisses drängt Österreich verstärkt in das „deklarierte Offshore-Geschäft“ – das historische Konzept des Offshore-Landes gilt innerhalb der EU als überholt.

Die Topmanager des österreichischen Private Banking und Wealth Management-Marktes schätzen die aktuelle Krise als gravierendste seit den 1930er Jahren ein. Mit einer substanziellen Erholung des Marktes rechnet die große Mehrheit der Branchenexperten nicht vor 2010. „Ein Knackpunkt ist der massive Vertrauensverlust der Anleger. In einer schwierigen Marktsituation muss das Geschäftsmodell grundlegend umgestaltet werden, und sich wieder auf den Kunden, Risikomanagement und Kosteneffizienz fokussieren“, umreißt Dr. Johannes Bussmann, Partner und Leiter der Financial Services Practice bei Booz & Company in Deutschland, Schweiz und Österreich, die zentralen Ergebnisse der Private Banking Studie der internationalen Strategieberatung.

Österreich mit den geringsten Ertragseinbußen in D/A/CH
Im Rahmen der Untersuchung wurden in Österreich, Deutschland und der Schweiz Top-Entscheider des Private Banking & Wealth Managements von über 50 Banken aus allen Sektoren zur aktuellen Lage und Zukunft ihrer Industrie befragt. Gemäß der Studie reduzierten sich die AuMs (Assets under Management) im österreichischen Markt von 2007 auf 2008 von 116 Mrd. auf 95 Mrd. um 18%. Im Vergleich zu Deutschland (-25%) und der Schweiz (-27%) fielen die Verluste in Österreich geringer aus. Nach Einschätzung von Booz & Company werden die Bruttoerträge der Branche massiv fallen, von 2007 auf 2009 um nahezu 30%. Deutschland erwartet bis 2009 sogar Einbrüche der Erträge von bis zu -40%. „In Österreich hat die unbegrenzte Einlagensicherung im Herbst 2008 die Lage etwas entspannt, wenngleich Anleger bis ins 2. Quartal 2009 oftmals panisch auf Wertverluste reagierten und Kapitalerhalt sowie Liquidität der Anlagen in den Fokus traten. Im 3. Quartal 2009 konstatieren die Befragten bereits wieder steigenden Risikoappetit bei ihren Kunden“, erklärt Bussmann.

Klassische Privatbanken verlieren Marktanteile
Die Wettbewerber im österreichischen Private Banking Markt haben die Krise unterschiedlich gemeistert:

  • Der größte Sektor mit einem Marktanteil von rund 40% in 2008, die klassischen in- und ausländischen Privatbanken, musste teilweise starke Asset-Abflüsse hinnehmen, und verlor insgesamt 2% Marktanteil im vergangenen Jahr. Durch die Stärken der klassischen Privatbank im HNWI-Segment (hochvermögende Privatpersonen) wird das Geschäftsmodell jedoch nicht grundsätzlich angezweifelt.
  • Lokale Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken wurden durch die ihnen zugeschriebene „Bodenständigkeit“ und aufgrund teilweise höherer Sparzinsen begünstigt, wenngleich kurzfristige Verunsicherung durch das Ost-Exposure dieser Banken zu konstatieren war. Sie konnten ihre Marktanteile von 2007 auf 2008 gegen den Trend um plus 1-2% auf 38% ausbauen. „Diesen Banken fehlt allerdings ein hinreichend nachhaltiges Private Banking- Geschäftsmodell. Daher ist es fraglich, ob die kleineren Banken und Sparkassen/Raiffeisenbanken die in Liquidität ‚geparkten Gelder’ halten können“, so Bussmann.
  • Die Universalbanken hielten im Durchschnitt ihren Marktanteil von rund 22%, wobei die Performance der einzelnen Banken jedoch deutlich variiert. Einige verloren überdurchschnittlich, meist aufgrund vertriebsfokussierter Ansätze und eines Vertrauensverlustes der Kunden in die Leistungsfähigkeit der Produkte.

Auslaufmodell traditionelles Offshore-Banking – „Declared Offshore“ bietet Abhilfe
Als direkte Reaktion auf die Krise ist der Bankensektor mit einer Reihe neuer regulatorischer Anforderungen konfrontiert, die von den Private Bankern aber auch positiv bewertet werden. Trends wie verstärkte Beratungs- und striktere Dokumentationspflichten erleichtern die Rückgewinnung des Kundenvertrauens, verkomplizieren jedoch auch Geschäftspraktiken und erhöhen Vertriebs- und Abwicklungskosten. Auch die Attraktivität Österreichs für ausländische Privatanleger verändert sich derzeit. Dr. Gerald Wunderer, Projektleiter Financial Services Booz & Company Österreich: „Die Lockerung des Bankgeheimnisses und der Druck der OECD unterstreichen die Rolle des traditionellen Offshore-Bankings als Auslaufmodell. Innerhalb der EU ist dafür langfristig kein Platz. Dennoch können Banken durch Forcierung des „deklarierten Offshore-Geschäfts“ die Lücke füllen und mit dem Anpreisen legaler Steuervorteile, Stabilität und Sicherheit des Bankenplatzes sowie spezieller Services wie z. B. Hilfe bei der Deklarierung oder der Steuererklärung im Heimatland weiterhin ausländisches Kapital anziehen“, weiß Wunderer.

CEE-Länder bleiben bevorzugte Zielmärkte
Der klare Expansionsfokus der österreichischen Private Banking Anbieter liegt auch nach der Krise in Zentral- und Osteuropa. Regionale Player investieren bevorzugt in grenznahen Regionen wie Süddeutschland und Norditalien. Asien, Lateinamerika und der Mittlere Osten werden aufgrund fehlender Marken vor Ort und zu wenig Kompetenz weiterhin nicht als Zielmärkte gesehen. „Das bevorzugte Geschäftsmodell unserer Befragten ist die Gründung einer Vollbank in CEE – und nach erfolgreicher Etablierung im Privat- und Firmenkundengeschäft die Entwicklung einer eigenständigen Private Banking Einheit“, erklärt Wunderer, und weiter: „Die heimischen Player setzen auf Know-How und Mitarbeitertransfer aus Österreich, sinnvolle Arbeitsteilung mit den lokalen Filialmitarbeitern und ihr lokales und legistisches Know-how, das sie glaubwürdig in den Markt vermitteln können.“

Erfolgsfaktor: Anpassung der Geschäftsmodelle und Produktpaletten
„Die langfristige Ausrichtung des Geschäftsmodells Private Banking muss überdacht werden. Es gilt, das Angebot durch verbesserte Beratungsqualität und kundenzentrierte Modelle aufzuwerten, die Profitabilität durch die Reduktion der Kostenbasis wiederherzustellen sowie das Risikomanagement nachhaltig zu verbessern“, so Bussmann. Auch die Produktportfolien sollten nach dem „perfekten Sturm“ deutlich verschlankt werden, da die Nachfrage nach komplexen Finanzprodukten stark nachgelassen hat. Kunden erwarten einfache Produkte mit transparenter Risiko-/Rendite-Struktur. „Langfristig kehren jedoch risiko- und damit ertragsstärkere Produkte zurück, die Margen werden allerdings dauerhaft sinken, da Kunden weiterhin auf Einfachheit setzen und nicht gewillt sind, für durchschnittliche Performance zu bezahlen“, beobachtet Bussmann. Kunden wollen Transparenz und delegieren ihre Finanzgeschäfte deutlich zögerlicher.
„Viele Anbieter werden in den nächsten 1-2 Jahren nicht um eine radikale Gesundschrumpfung entlang der Wertschöpfungskette von Vertrieb über Produktentwicklung hin zur Produktion kommen. Das Geschäftsmodell Private Banking hat deutliches Optimierungspotenzial“, so Bussmann. Und abschließend: „Wir erwarten eine erhebliche Konsolidierung und vermehrt neue Formen von Zusammenarbeit z. B. im Abwicklungsbereich in der zersplitterten Private Banking Wettbewerbslandschaft“.

Download Private Banking Perfekter Sturm >>


Presse- und Medienkontakt

Susanne Hudelist
ikp Wien GmbH
Tel. +43/1/524 7790 19
Kontakt >