Wien, 06.08.2008
Islamic Finance verspricht großes Wachstumspotenzial für österreichische Banken

Internationale Wachstumsraten von 15 – 20% pro Jahr / Marktpotenzial in Österreich rd. 230 Millionen Euro / Größte Chance Erschließung neuer Märkte in Zentralasien mit rd. 120 Millionen potenziellen Kunden / Österreichische Finanzdienstleister bisher zögerlich / Großbritannien europäischer Vorreiter

Finanzprodukte, die den Vorschriften des Islam entsprechen (Islamic Finance), sind ein äußerst attraktiver Wachstumsmarkt. Die Bilanzsumme islamischer Banken wird Ende 2008 weltweit rd. 500 Milliarden US$ erreichen. Mit Wachstumsraten von durchschnittlich 15-20% per annum in den letzten fünf Jahren bilden sie international einen der am schnellsten wachsenden Sektoren der Finanzbranche. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung der Strategieberatung Booz & Company.

„Wir orten drei Strategien, mit denen österreichische Finanzdienstleister vom boomenden Islamic Finance-Geschäft profitieren können“, erklärt Dr. Klaus-Peter Gushurst, Seniorpartner und Bankenexperte von Booz & Company. „Der Inlandsmarkt bietet zwar ein schönes Potenzial von rd. 230 Mio. Euro, im Auslandsgeschäft sehen wir allerdings größere Wertschöpfungschancen: Wenn Österreich weiter in muslimische Kernmärkte expandiert und vor allem den Fokus auf Erschließung neuer muslimischer Märkte in Zentralasien legt, könnten die heimischen Banken First Mover-Status erreichen“.

Inländisches Marktpotenzial rund 230 Mio. Euro
In Österreich leben aktuell rd. 400.000 Muslime, mit einer prognostizierten Steigerung auf über 500.000 Menschen in den nächsten fünf Jahren (Quelle: Statistik Austria). Das durchschnittliche Haushaltseinkommen liegt ca. bei 24.360 Euro und damit bei 75% des Bundesdurchschnitts, bei einer gleichzeitig deutlich höheren Sparquote von ca. 18% (Durchschnitt 9,7%). „Wir schätzen die potenzielle Marktdurchdringung Islamischer Finanzprodukte in der muslimischen Bevölkerung mit rd. 15% - besonders starkes Interesse dürfte, wie auch in Deutschland, an Baufinanzierungen, Versicherungen und Fonds bestehen“, erklärt Dr. Philipp Wackerbeck, Islamic Finance Experte bei Booz & Company. Das Marktpotenzial für islamkonforme Bankprodukte in Österreich beträgt aktuell rd. 230 Mio. Euro, mit einem möglichen jährlichen Wachstum von rd. 20%. Für 2012 rechnen die Booz & Company-Experten mit einer Steigerung auf rd. eine halbe Milliarde Euro.

Heimische Finanzdienstleister zurückhaltend 
Österreichische Finanzdienstleister haben die Möglichkeiten bislang kaum aufgegriffen und bieten lediglich wenige spezielle Finanzprodukte an, um diesen Nischenmarkt zu erschließen. „Wenn österreichische Banken Geschäftskunden vereinzelt Shari´ah-konforme, also den religiösen Vorschriften des Islam entsprechende, Finanzierungen oder Produkte anbieten, dann ist das schon viel“, so Gushurst. „Wir sehen in diesem Bereich ein Potenzial, das noch weitgehend brachliegt.“ Bei Markteintritt gälte es, einige Voraussetzungen wie die Entwicklung von transparenten Produkten, den Aufbau eines Islamic Windows und eines Shari´ah -Boards zu erfüllen und Vertriebspersonal auszubilden.

Einen weiteren Hinderungsgrund sehen die Experten von Booz & Company in den gesetzlichen Rahmenbedingungen in Österreich. Durch die Grunderwerbsteuer beispielsweise laufen Muslime hierzulande Gefahr, bei islamkonformen Baufinanzierungen doppelt Steuern zu bezahlen. Nur wenn diese gesetzlichen Regelungen angepasst sind, können Islamic Finance Produkte mit klassischen konkurrieren.

Königsweg: Der Schritt in neue muslimische Märkte
Neben der Einführung eines dezidierten Islamic Finance-Angebots in Österreich sehen die Booz & Company Experten vor allem Potenziale in der Expansion in muslimische Kernmärkte und in der Erschließung neuer Märkte. „Durch den Abschluss von Kooperationen mit einheimischen Partnern in Kernmärkten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Indonesien oder Pakistan können heimische Finanzdienstleister ihr Know-how in Produktentwicklung, Operations, IT und Vertrieb einbringen und mit der Marktkenntnis der lokalen Partner verbinden – die UNIQA macht es mit dem Joint Venture ‚Takaful Al-Emarat’ mit der Al Buhaira National Insurance Co. im Emirat Sharjah vor“, so Wackerbeck. 

Die größten Potenziale ergeben sich aus der Erschließung neuer muslimischer Märkte in Zentralasien, wie z.B. Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan sowie des muslimischen Teils Indiens. „Der Schritt in diese Regionen wäre die logische Fortsetzung der erfolgreichen Expansionsstrategie österreichischer Banken nach Osteuropa“, betont Gushurst. „Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, sich als First Mover z.B. nach Tadschikistan zu wagen und sich vor Ort als führender internationaler Finanzdienstleister zu etablieren“. So umfasst der zentralasiatische Markt mit Indien 370 Millionen Muslime, von denen bereits ein Drittel als „bankable“ und somit als potenzieller Kunde gilt. Die Volkswirtschaften wachsen stark: So liegen die BIPs von Kasachstan mit 11.086 Int. $ pro Kopf und Jahr und Aserbaidschan mit 7.656 Int. $ pro Kopf und Jahr bereits weit über der Ukraine mit 6.941 Int. $.

Europavergleich: Deutschland zurückhaltend, Großbritannien Vorreiter
Deutschland beträgt das Marktpotenzial für islamkonforme Bankprodukte rd. 1,2 Milliarden Euro. Laut der Booz & Company-Studie würden in Deutschland mehr als eine halbe Million Menschen den religiösen Vorschriften des Islam entsprechende Produkte kaufen. „Bisher konzentrieren sich die deutschen Finanzdienstleister vor allem auf typisch muslimische Märkte wie Indonesien oder Saudi Arabien – mit beachtlichem Erfolg“, erklärt Islamic Finance-Experte Wackerbeck. Diese Märkte sind schon allein durch den hohen Anteil an Muslimen sehr viel leichter zu erschließen. Doch auch für Deutschland sieht Wackerbeck gute Chancen. „Allerdings muss hierzulande der Markt praktisch von Grund auf aufgebaut werden. Denn bislang nutzen nur knapp 5% der Muslime diese speziellen Produkte. Einige haben darüber hinaus schlechte Erfahrung mit vermeintlich islamkonformen Investments gemacht.“ Allerdings haben über 60% der in Deutschland befragten Muslime erklärt, dass sie beispielsweise an islamkonformen Baufinanzierungen interessiert sind. 

In anderen Ländern ist der Inlandsmarkt bereits viel weiter entwickelt. Als Speerspitze im Wachstumsmarkt Islamic Finance innerhalb Europas gilt Großbritannien, wo längst regulatorische Chancengleichheit hergestellt ist. So bietet die Islamic Bank of Britain seit 2004 eine breite Produktpalette an. Gegenüber dem Vorjahr konnte sie 2007 ihre Kundenzahl um 40% steigern und verwaltete ein Vermögen von 135 Millionen Pfund (+60% ggü. 2006). Und sie ist längst nicht mehr Monopolist. Alleine vier Neugründungen von vollständig islamischen Banken zeigen, dass das Zeitfenster, an diesem attraktiven Markt teilzuhaben, für zögerliche Banken bald eng werden könnte. Erfahrene Finanzinstitute aus dem arabischen Raum signalisieren bereits Interesse, muslimische Kundenkreise in Europa vor Ort zu erschließen. Der Wettbewerb wird also deutlich zunehmen, sind sich die Experten von Booz & Company sicher.

Islamic Finance – ein System mit eigenen Regeln
Islamic Finance funktioniert nach Regeln, die für Bankmanager aus westlichen Finanzsystemen zunächst nur schwer verständlich sind. Die Haupthürde: Der Islam verbietet Geldzinsen. Damit entfallen Produkte wie Sparkonten und Termingelder ebenso wie zinstragende Kredite. Die Problematik liegt auf der Hand: So darf etwa ein muslimischer Kunde für die Finanzierung eines Hausbaus oder den Kauf einer Eigentumswohnung keinen Kredit aufnehmen. Bei Kapitalanlagen, etwa bei Aktien oder Fonds, ist darüber hinaus das Investieren in Branchen wie der Alkohol- und Tabakindustrie aber auch in Banken und Versicherungen nicht zulässig. Entsprechen die Finanzprodukte diesen Vorgaben, müssen sie zudem noch von einem Shari´ah Board, einer Art Aufsichtsgremium aus islamischen Geistlichen, zertifiziert werden. Mittlerweile existieren in der Praxis eine Reihe erprobter, islamkonformer Lösungsmodelle, etwa eine Finanzierung über das so genannte „Murabahah-Modell“. Dabei kauft die Bank die gewünschte Immobilie im Auftrag des Kunden und verkauft sie ihm mit einem entsprechenden Aufpreis gegen Ratenzahlung. Auf diese Weise entstehen keine Kreditzinsen.
Islamic Finance stellt an Banken und Versicherungen, die dieses Segment erschließen möchten, eine Reihe spezifischer Anforderungen. Sie müssen unter anderem ein Shari´ah Board aufbauen und dies frühzeitig in die Produktentwicklung einbinden. Außerdem ist es notwendig, Vertriebspersonal für die spezifischen Anforderungen des Islamic Finance auszubilden und zu trainieren. Denn: Muslimische Kunden, die islamkonforme Produkte nachfragen, möchten nicht nur finanzielle Eckdaten kennen, sondern den Aufbau eines Produktes transparent nachvollziehen können.

Über Booz & Company:
Booz & Company ist mit 3300 Mitarbeitern in 57 Büros auf allen Kontinenten eine der weltweit führenden Strategieberatungen. Zu den Klienten gehören  erfolgreiche Unternehmen sowie Regierungen und Organisationen. Unser Gründer Edwin Booz formulierte bereits 1914 die Grundlagen der Unternehmensberatung. Heute arbeiten wir weltweit eng mit unseren Klienten zusammen, um die Herausforderungen globaler Märkte zu meistern und nachhaltiges Wachstum zu schaffen. Dazu kombinieren wir einzigartiges Marktwissen sowie tiefe funktionale Expertise mit einem praxisnahen Ansatz. Unser einziges Ziel: unseren Klienten jederzeit den entscheidenden Vorteil zu schaffen. Daher lautet unser Mission Statement: Essential Advantage.
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